Kategorie: Leseprobe

Leseprobe: Ein gelungener Abend

Seid gnädig mit mir. Ich habe diese Per-Anhalter-durch-die-Galaxis-Perry-Rhodan-Space-Odyssey-Dune-Star-Trek-Sterntagebücher-Star-Wars-Story vor 25 Jahren anlässlich des viel zu frühen Ablebens des wunderbaren Douglas Adams in die Tasten gekloppt.

Heute zum 25. Handtuchtag hole ich mein -Frühwerk aus dem Jahr 2001 zu eurer Erbauung wieder hervor.

Aber lest selbst!

Tisch 1961

Der junge Mann erschien von einem Moment auf den anderen an dem runden Tisch, der sich malerisch in eine kleine exotisch bepflanzte Nische schmiegte. Dadurch war der Platz ausreichend gegen den Lärm und die Weite des gewaltigen Kuppelsaals abgeschirmt.

Der Mann warf einen kurzen Rundblick in die riesige Halle. Trotz ihrer unglaublichen Weite barst sie geradezu vor Leben. Überall standen Tische wie dieser, meist größer als der, an dem er saß. An jedem hockten, standen oder lagen die unterschiedlichsten Lebewesen, teils so fremdartig und bizarr, dass selbst er ein wenig erstaunt war. Dazwischen waren Pflanzen, Statuetten und Skulpturen platziert, wobei es nicht immer leicht war, Lebewesen und Einrichtungsgegenstände auseinanderzuhalten. All das gruppierte sich um eine große Bühne im Zentrum, direkt unter der gewaltigen, goldschimmernden Kuppel, die alles überwölbte.

Der Mann lächelte zufrieden und lehnte sich in seinen Sitz zurück. Nur kurz blickte er auf, als ein merkwürdiges Wesen an den Tisch trat, zwei Gläser mit einer grünen Flüssigkeit abstellte und schweigend wieder verschwand.

Der Blick des Mannes richtete sich nun auf den zweiten Sitz an dem Tisch, der leer war. Geduldig saß er einfach nur da und lauschte mit halbem Ohr der leichten Musik, die von der Bühne kam. Es gelang ihr nur mit Mühe, das allumfassende Gemurmel, Gedröhne, Gezirpe und Geschmatze der zahllosen teils lautstarken Unterhaltungen zu übertönen.

Der Mann wartete.

Er erschrak nicht im Mindesten, als mit einem mal ein weiterer Mann auf dem zweiten Platz erschien. Er schob dem blaugekleideten Neuankömmling einfach eines der Gläser zu.

Der andere fasste sich instinktiv in den Nacken und verzog kurz das Gesicht, als durchfahre ihn ein stechender Schmerz. Doch dieser Eindruck der Hilflosigkeit verflog sofort wieder.

Mit stahlgrauen Augen sah er sich um und nahm die Umgebung in sich auf. Allein seine Haltung drückte Selbstbewusstsein und Souveränität aus. Dieser Mann schien die Lage voll im Griff zu haben. Zumindest hatte er den unbedingten Willen, die Lage so bald als möglich in den Griff zu bekommen.

Fest sah er seinem Gegenüber in die Augen.

„Hallo Ernst“, sagte er mit einer Stimme, die sowohl freundlich als auch bestimmt klang. „Es ist schön, dich zu sehen.“

Nach nur kurzer Pause fügte er hinzu: „Was will ES von mir an diesem Ort?“

Der andere ergriff lächelnd sein Glas. Sofortumschalter, schoss es ihm durch den Kopf. Er trägt diesen Namen nicht umsonst.

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Perry. Nimm erst mal einen Schluck. Sie servieren hier einen hervorragenden Vurguzz. Ich werde dir alles erklären.“

Während die beiden Männer sich zuprosteten und tranken, wurden die Lichter im ganzen Saal langsam dunkler, und die Band auf der Mittelbühne schlug ein flotteres Tempo an.

Tisch 1964

Die Unterhaltungen in der riesigen Halle erstarben langsam. Als auch das letzte Gemurmel verstummt war, setzte die Musik mit einem kleinen Tusch aus.

Für einen winzigen Moment, den Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute Stille und Dunkelheit unter der gewaltigen Kuppel. Fast so, als halte das ganze Universum noch einmal den Atem an.

In eben diesem Moment erschien über einem anderen bis dahin unbesetzten Tisch ohne jede Begleiterscheinung ein eiförmiges Gebilde. Seine Hülle war durchscheinend und schimmerte leicht. Darin schwebte der Fötus eines Menschen, der sich neugierig mit wachen Augen umsah.

Als einen Lidschlag später ein kräftiger Lichtstrahl die Mittelbühne erfasste, war das Ei verschwunden. Stattdessen saß an dem Tisch nun ein Mann in einem roten Raumanzug ohne Helm. Auch er sah sich neugierig um und blickte schließlich gespannt auf die Bühne.

Tisch 1965

Er ließ den Schmerz hinter sich und sah vor sich das Licht. Das Licht, das nur er durchschreiten konnte. Für jeden, der es bisher versucht hatte, bedeutete es den Tod.

Er ging ohne zu zögern hindurch … und trat an einen kleinen runden Tisch, an dem sich nur ein leerer Sitzplatz befand. Er blickte sich kurz in der im Halbdunkel liegenden Halle um und setzte sich kurzerhand.

Vor ihm auf dem Tisch stand ein schlichtes Glas mit gelblich schimmernder Flüssigkeit, die einen intensiven Spicegeruch verströmte. Er trank und nahm nur am Rande wahr, wie ein ellenlanges spindeldürres Wesen über die Bühne hüpfte, sich der Menge im Saal vorstellte und den langanhaltenden Applaus genoss.

Auch der Leuchterscheinung am Nachbartisch schenkte er kaum Beachtung.

Tisch 1966

In einem kurzen Blitz erschienen zwei Männer an dem eben noch leeren Tisch. Ihr Hauptunterscheidungsmerkmal war, dass einer von ihnen volles Haar hatte und der andere einen kahlen Kopf. Letzterer blickte sich kurz verwirrt um, fixierte dann den anderen erbost.

Er brachte nur einen Laut hervor, in dem aber so viel Verachtung, Resignation, Wut und sogar ein Hauch Neugier lagen, dass er mehr sprach als ein ganzer Satz: „Q!“

Der so angesprochene grinste unverschämt zurück. Er trug am Leib dieselbe Kleidung wie sein Gegenüber: eine schwarze Hose, einen blauen Pullover mit schwarzem Kragen und darüber eine rote Jacke mit ebenfalls schwarzem Kragen und Schulterstücken, worauf vier goldene Knöpfe prangten.

„Schsch, mon Capitain“, flüsterte er. „Sie stören die Vorstellung.“

Das Wesen auf der Bühne hatte indes irgendeine Ankündigung gemacht, worauf die Lichter noch dunkler wurden. Auf jedem Tisch entzündeten sich wie von Geisterhand Kerzen.

Q quittierte dies mit gespielter Überraschung und einer unschuldigen Geste, die wohl so viel wie ich war‘s nicht bedeuten sollte.

Sein Gegenüber verdrehte nur die Augen und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, als die gigantische Kuppel über ihnen ihren Goldschimmer verlor und langsam transparent wurde.

Über dem weiten vollbesetzen Saal enthüllte sich ein Himmel der im Begriff schien zu zerbersten. Ein scheußliches, schauerliches Licht ergoss sich auf die unzähligen vor Entsetzen starren Wesen – ein entsetzliches Licht, ein brodelndes widerliches Licht.

„Was …“, konnte der kahlköpfige Mann nur sagen.

„Das, Jean Luc“, hauchte Q dem anderen ins Ohr, „ist das Ende von allem.“

Und damit übersetzte er nahezu exakt die Worte des Entertainers, der nun die Bühne verließ, um von Tisch zu Tisch zu gehen, während die Musik wieder einsetzte.

Picard riss sich von dem erschütternden Anblick los und wand sich dem anderen zu.

„Hören Sie, Q …“

„Un moment, s’il vous plaît“, wurde er gleich wieder unterbrochen.

Langsam setzten in der ganzen Halle die Unterhaltungen wieder ein.

„Garcon!“, rief Q und schnippte mit den Fingern, worauf in einer Leuchterscheinung ein grünhäutiges Wesen an dem Tisch erschien.

Das Wesen wirkte nur kurz verwirrt, setzte dann eine steinerne Miene der Würde auf und richtete eine Frage an die beiden Männer.

Die Kommunikatoren der beiden Gäste übersetzte die fremdartigen Worte:

„Was darf ich Ihnen bringen, Messieurs?“

„Nun“, antwortete Q, „ich denke nicht, dass Earl Grey angemessen wäre. Führen Sie auch romulanisches Ale?“

Das Wesen konnte einen Seufzer nur fast unterdrücken. In einem leicht entnervten Tonfall antwortete es routiniert:

„Wir führen alle Speisen und Getränke, M’sieur.“

„Dann zweimal“, rief Q fröhlich. „Aber pronto, schließlich ist nicht mehr viel Zeit.“

Das Wesen hüstelte ein offensichtlich gequältes Höflichkeitslachen und entfernte sich, ehe Q es ‚wegschnippen‘ konnte.

„Sie hassen diesen Witz“, wurde Jean Luc ungefragt aufgeklärt. „Nahezu jeder reißt ihn hier und hält sich dabei für ungeheuer innovativ.“

Q grinste wieder unverschämt.

„Ich konnte es mir einfach nicht verkneifen.“

Tisch 1971

Unter lautem Getöse raste ein Mann auf einem merkwürdigen Gefährt gegen einen zum Glück unbesetzten Tisch. Er (der Mann) schien wie aus dem Nichts aufgetaucht zu sein und beendete seinen kurzen Flug in einem Haufen aus gesplittertem Holz.

Fluchend und schimpfend richtete er sich auf, befreite sich von den Trümmern des Tisches und griff nach seinem Gefährt, das kaum mehr als eine Stange mit Griff und Sattel war. Wegen des kegelförmigen Auspuffs am Ende hätte man es von Ferne für einen altertümlichen Reisigbesen halten können.

Der Mann war etwas verdutzt, als ein paar wieselflinke Wesen herbeieilten, die Trümmer wegräumten, durch einen neuen Tisch ersetzten, zwei Gläser darauf abstellten und wieder verschwanden. Und das alles ohne einen Ton von sich zu geben.

Nachdem er sich nur kurz über seine Umgebung orientiert hatte, setzte er sich stöhnend auf den einzigen Stuhl und rieb sich dabei seine Hüfte. Seine Aufmerksamkeit galt nun den beiden Gläsern. Das eine war klein und enthielt etwa zwei bis drei Zentiliter einer wasserklaren Flüssigkeit, die nach starkem Alkohol roch. Der Mann beschloss, dass dies nun genau das richtige für ihn sei, und stürzte die Flüssigkeit hinunter.

Als sich wohlige Wärme in ihm ausbreitete, stellte er fest, dass es sich um einen vorzüglichen Wodka gehandelt hatte.

Das zweite Glas beziehungsweise sein Inhalt war ihm jedoch suspekt. Es war größer, fasste vielleicht einen Liter und enthielt ebenfalls eine wasserklare Flüssigkeit. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es sogar Wasser, denn in dem Glas schwamm ein winzig kleiner Fisch.

Er beschloss, dieses Glas zunächst stehenzulassen.

Das grandiose Schauspiel über seinem Kopf ignorierend kramte er umständlich einen Briefumschlag aus einer unzugänglichen Tasche seines Overalls, riss ihn auf und las:

Lieber Herr Tichy,

Ihnen an dieser Stelle alle Einzelheiten auseinandersetzen zu wollen, würde wahrlich den Rahmen und die Möglichkeiten dieser knappen Mitteilung sprengen. Ich verweise daher auf einen gemütlichen Abend bei einer Flasche Wein, an dem wir all diese Dinge bis aufs Kleinste besprechen werden, bzw. besprochen haben werden … Aber ich will die Sache nicht durch temporalgrammatikalische Genauigkeit verkomplizieren.

Sie, Herr Tichy, befinden sich nun am Ende des Universums oder besser gesagt: am Ende eines Universums. Dieser Raum- und Zeitpunkt soll der Ausgangspunkt für Ihre eigentliche Expedition sein.

Wie Sie sich erinnern werden, haben wir im Vorfeld bereits darüber gesprochen, dass ich mit meinem neuen transtemporalen und transdimensionalen Radioempfänger Zugang zu Informationen habe, die unsere künftigen Möglichkeiten ins geradezu Phantastische erweitern.

Einer dieser Informationen gilt es nachzugehen.

In dem Universum, in dem sie sich nun befinden, soll eine Person, eine Entität oder eine Instanz eingetroffen sein, die über unglaubliches Wissen und unfassbare Machtmittel verfügen soll.

Es ist mir gelungen, mittels eines transdimensionalen Senders einige Vorbereitungen zu arrangieren. Dadurch wird Ihnen Ihre Arbeit um einiges leichter fallen.

Den Fisch, den Sie vor sich sehen, bugsieren Sie bitte in Ihr Ohr. Es handelt sich um einen so genannten Babelfisch, der sich von Schallwellen ernährt, sie verarbeitet und in Form von Hirnwellen wieder ausscheidet. Der Nutzen dabei ist, dass er dadurch als Universalübersetzer einsetzbar ist.

Als nächstes gilt es, einen Kontaktmann aufzusuchen, der Ihnen die Reise zu Ihrem endgültigen Ziel ermöglichen wird. Sie finden ihn in den Gewölben unter dem Saal, in dem Sie sich jetzt gerade befinden.

Ich wünsche Ihnen alles Gute und freue mich auf Ihren ausführlichen Bericht, den Sie mir von Ihrer zeitlichen Position aus natürlich längst gegeben haben werden.

Hochachtungsvoll,

Prof. Tarantoga

Der Mann faltete nachdenklich den Brief zusammen und blickte dann äußerst skeptisch auf das große Glas vor sich, in dem das Fischlein munter umherschwamm. Er nahm nur am Rande zur Kenntnis, dass der Entertainer die Bühne betrat und in einem für ihn – noch – unverständlichen Idiom zu seinem Publikum sprach.

Tisch 1977

Zwei sehr unterschiedliche Wesen erschienen an diesem Tisch. Sie waren zunächst durchscheinend und kaum zu erkennen. Erst nach und nach nahmen sie Gestalt an, bis sie sich endlich voll manifestiert hatten.

Sie hatten beide ihre Augen geschlossen. Das kleinere Wesen öffnete sie zuerst. Zögerlich hob es die faltigen Lider, ließ die großen klugen Augen kurz kreisen und nickte dann zufrieden.

„Da wir sind“, radebrechte es mit krächzender Stimme.

Sein haarloser runzliger Kopf ragte gerade über die Tischplatte.

Das andere Wesen war mehr als doppelt so groß. Der augenscheinlich junge Mann öffnete nun ebenfalls die Augen. Was er sah, ließ ihn auf seinem Stuhl zusammenzucken. Die weite Halle und vor allem das rasende Chaos über ihm verschlug ihm die Sprache.

„Du konzentrieren dich musst“, sagte das kleine Wesen und lenkte so die Aufmerksamkeit des anderen auf sich. „Konzentrieren auf die Macht.“

Wieder schloss der junge Mann die Augen und beruhigte sich. Nur einen Augenblick später riss er sie wieder auf.

„Meister!“, hauchte er entsetzt.

„Dies das Ende ist“, erklärte der Kleine lapidar. „Auch die Macht hier endet. Doch für dich es der Anfang ist, Luke, der Anfang einer neuen Prüfung. Den Meister, finden und befragen du ihn musst. Wenn seine Worte du verstehst, der Weisheit näher sein du wirst.“

„Aber du bist doch mein Meister“, begehrte der Junge auf. „Niemand übertrifft deine Weisheit.“

Der Kleine fuchtelte streng mit seinem Gehstock in des Jungen Richtung.

„Verschiedene Arten von Weisheit es gibt. Vor allem aber du Weisheit beweisen musst. Finde den Meister, befrage und verstehe ihn.“

Der junge Mann nickte ergeben, blickte sich erneut in der weiten Halle um, ließ das schaurige Schauspiel am Himmel auf sich einwirken und lauschte schließlich dem langen dürren Wesen auf der Mittelbühne. Er musste sich nur ein wenig konzentrieren, um die fremden Worte zu verstehen. Die Macht verlieh ihm diese Gabe.

„Das hier“, sagte der Entertainer und deutete elegant nach oben, „ist wirklich das absolute Ende, die letzte eisige Trostlosigkeit, in der der ganze majestätische Schwung der Schöpfung versinkt. Dieses, meine Damen und Herren, ist das sprichwörtliche ‚Allerletzte‘.“

„Meister“, wandte sich der Junge wieder an das kleine Wesen. „Was ist das für ein Ort?“

Anstelle einer Antwort knurrte der Kleine mürrisch und sagte schließlich:

„Du jetzt gehen musst, Luke. Bei den Schiffen unter dieser Halle du suchen musst. Dort einen Droiden du finden wirst, der den Weg zum Meister dir weisen wird. Marvin sein Name lautet.“

Aufbruch

Unabhängig voneinander verließen die sechs Männer das Restaurant kurz vor dem Höhepunkt der Show. Sie wussten oder ahnten nun zumindest, warum sie hier waren. Dieser merkwürdige Ort sollte nur der Ausgangspunkt einer Reise sein, deren Ziel große Erkenntnis versprach. Einigen hatte man es wenigstens andeutungsweise gesagt, die anderen ahnten es einfach.

Alle sechs eilten sie ins Parkhaus und suchten nach dem geheimnisvollen Kontaktmann, der ihnen weiterhelfen sollte.

Ihre zurückgelassenen Begleiter aber schlenderten zu einer Bar in einem Seitenarm des Restaurants, begrüßten sich dezent und schütteten sich ebenso dezent für den Rest des Universums einen Pangalaktischen Donnergurgler nach dem anderen hinter die Binde.

Eins und eins …

„Wer bist du“, fragte der Mann in dem blauen Raumanzug.

„Ich … war Dave“, antwortete der Mann in dem roten Raumanzug.

Die beiden waren sich in dem gewaltigen Labyrinth des sogenannten Parkhauses begegnet. Außer ihnen schien kein lebendes Wesen hier zu sein.

Auf mehreren ineinander verschachtelten Ebenen lagen unzählige Raumschiffe in verschiedensten Größen und Formen dicht an dicht beieinander.

„Ich bin Perry“, sagte der Mann in dem blauen Raumanzug und streckte dem Mann in dem roten Raumanzug die Hand entgegen.

Einen Lidschlag später hatte sich dieser in einen älteren Mann in einem schwarzen Freizeitanzug verwandelt. Dennoch ergriff er die dargereichte Hand und drückte sie fest.

Perry zögerte nur die Winzigkeit eines Augenblicks. Dann hatte er seine Überraschung überwunden.

„Ich suche einen Roboter“, sagte er ruhig.

„Ja“, lautete die schlichte Antwort.

… plus zwei …

Das stählerne Labyrinth war dem jungen Mann unheimlich. Es weckte unangenehme Erinnerungen in ihm. Hinter jeder Ecke erwartete er Ben zu sehen, wie er vom dunklen Lord niedergestreckt wird.

Dieser Anspannung war es wohl zu verdanken, dass er instinktiv seine Waffe zog und aktivierte, als er unvermittelt einen Mann in einem grauen Kapuzenumhang vor sich stehen sah.

„Lass die Waffe fallen!“, sagte dieser mit der Stimme.

Der junge Mann war irritiert. Nur mit Mühe konnte er sich dagegen wehren, dem Befehl Folge zu leisten.

„Du bist stark“, sagte der andere und streifte die Kapuze von seinem Kopf.

Auch er war ein relativ junger Mann, scheinbar nur wenig älter als sein Gegenüber.

„Bist du Marvin?“, fragte er.

Der junge Mann schaltete die Waffe wieder ab und lockerte seine Haltung.

„Ich heiße Luke“, sagte er. „Ich bin ebenfalls auf der Suche nach dem Droiden.“

„Droiden?“, fragte der andere leise ohne jedoch eine Antwort zu erwarten.

Er fuhr gleich zu sprechen fort: „Normalerweise steht mir die Zukunft offen. Doch dieser Ort ist anders. Er hat keine Zukunft.“

Nach einer weiteren Pause fügte er hinzu: „Nenne mich Paul.“

… und noch zwei …

Der kahlköpfige Mann schritt langsam den Steg entlang, der eine weite Halle voll bizarrer Raumschiffe überspannte. Er blickte sich aufmerksam um, hielt dabei aber nur halbherzig nach dem Roboter Ausschau, von dem Q gesprochen hatte. Vielmehr erwartete er eine überfallartige Überraschung des anmaßenden und äußerst anstrengenden Überwesens.

„Q“, rief er in die menschenleere Halle. „Ich habe keine Lust mehr auf Ihr Spiel. Es langweilt mich.“

Der Mann blieb stehen und wartete eine Reaktion ab. Als diese ausblieb setzte er sich kurzerhand auf den Boden. Er dachte nicht daran, erneut nach Qs Pfeife zu tanzen. Außerdem musste er nachdenken. Seit seiner Ankunft an diesem merkwürdigen Ort hatte er noch keine Zeit dazu gefunden.

„Entschuldigen Sie“, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.

Ruckartig stand er auf und sah sich einem Mann gegenüber, der in der Linken eine merkwürdige besenartige Stange hielt. Die Sprache, die er sprach, schien ein irdischer Dialekt zu sein, den er nicht beherrschte. Es klang irgendwie slawisch. Sein Kommunikator hatte jedoch keine Probleme, die Worte zu übersetzen.

„Entschuldigen Sie“, wiederholte der andere. „Mein Name ist Ijon Tichy. Sie sind nicht zufällig von Professor Tarantoga beauftragt worden, mir eine – nun – Reisepassage zu ermöglichen?“

Der kahlköpfige Mann blickte den anderen leicht entgeistert an. Er überlegte, wie er jetzt reagieren sollte. Dies war mit Sicherheit eine weitere Böswilligkeit von Q, weil er nicht auf sein Spiel einging. Sollte er toben? Ausrasten? Einfach sitzenbleiben und auf nichts mehr reagieren? Oder er führte Qs Spiel ad absurdum. Q hatte ihn an einen skurrilen Ort gebracht. Wenn er diesen nun an Skurrilität übertraf, konnte er Q vielleicht schlagen – mit den eigenen Waffen sozusagen.

Ehe er jedoch seine Idee in die Tat umsetzen konnte, sprach Tichy weiter: „Sie müssen nochmals entschuldigen. Ich habe Sie offensichtlich verwechselt. Diese Raumschiffhallen sind aber auch zu unübersichtlich. Das kommt eben davon, wenn man zu ungenaue Hinweise bekommt. Sie kennen das sicher?“

Der kahlköpfige Mann stutzte. Das kannte er allerdings. Was, wenn Q mit seinen vagen Andeutungen doch recht hatte? Hatte er nicht behauptet, dass man in vielen Kontinua darauf erpicht sei, diesen ominösen Herrscher zu konsultieren?

Seine Neugier begann nun doch die Oberhand zu gewinnen. Er beschloss, das Spiel einstweilen mitzumachen.

„Was halten Sie davon, Mr. Tichy, wenn wir uns zusammentun?“, sagte er freundlich. „Ich habe mich ebenfalls verlaufen und suche einen Roboter, der mir meine Weiterreise ermöglichen soll. Mein Name ist übrigens Jean Luc.“

… gibt sechs

Marvin war unendlich deprimiert. Er, ein Geist von der Kapazität eines ganzen Universums, stand hier und schob Dienst in einem Parkhaus, stumpfsinnig und geistlos, tagein, tagaus, Jahr für Jahr, Jahrmillion für Jahrmillion, Weltalter für … obwohl das in dieser Minute ein Ende haben würde.

Allerdings konnte nicht einmal diese Option Marvin ein wenig aufheitern. Schließlich blieb sie ihm letztlich verwehrt. Dieser gewaltige Gebäudekomplex, glitt, durch mächtige Zeitschirme geschützt, unbeschadet über den Punkt des universellen Endes von Raum und Zeit hinaus, um dann sanft wieder zurückzugleiten. Worauf es ein weiteres Mal auf das Ende zuging – ad infinitum.

Dieses stumpfsinnige Wiederholen des ewig Gleichen trug nicht unerheblich zu Marvins Depressionen bei.

Auch die für andere Wesen bestimmt ungewöhnlich und aufregend erscheinenden Kontaktaufnahmen mit ihm, die kürzlich erst stattgefunden hatten, berührten ihn kaum. Für jemanden, der bereits das Alter des Universums übertraf, weil er auf einem todsterbensöden Planeten einfach vergessen worden war, gab es kaum mehr überraschendes oder aufregendes. All dies hatte man irgendwann schon mal so ähnlich erlebt oder gesehen.

Letztlich lief es ohnehin nur darauf hinaus, dass er sechs langweilige Gestalten zu sechs langweiligen Raumschiffen führen sollte. Eine dermaßen öde Aufgabe, die so unendlich weit unter seinen kognitiven Möglichkeiten lag, dass es ihn so entsetzlich deprimierte, dass es kaum noch auszuhalten war.

„Das wird er sein“, hörte Marvin eine Stimme.

„Ja“, sagte eine andere schlicht.

„Der Droide, da ist er!“, ertönte eine dritte Stimme.

Die vierte Stimme hatte einen gefährlichen Unterton, was Marvin beinahe interessiert hätte, wäre es letztlich nicht auch so schrecklich ermüdend gewesen.

„Soll das heißen, dass er eine Maschine ist? Eine denkende Maschine?“

Instinktive Verachtung, ja Hass gar schien in diesen Worten mitzuschwingen.

„Wir sind anscheinend nicht die einzigen, Mr. Tichy.“

Die fünfte Stimme klang fast amüsiert.

Die sechste und letzte Stimme richtete sich direkt an Marvin. Wenn es ihn interessiert hätte, hätte er sich überlegt, ob die fast schon naive Unbekümmertheit nicht reines Kalkül war, um den darunterliegenden Intellekt zu verbergen.

„Entschuldigen Sie“, sagte diese sechste Stimme. „Mein Name ist Ijon Tichy. Professor Tarantoga hat für mich eine Reisemöglichkeit arrangiert. Mir wurde gesagt, ich könne mich in der Sache an Sie wenden.“

Marvin seufzte tief und sagte: „Folgen Sie mir einfach alle.“

Dann setzte er seinen metallischen Leib betont schwerfällig in Bewegung. Mit jedem Schritt wies er leise – aber laut genug, damit es alle hören konnten – auf seine schmerzenden Dioden hin.

Ihm folgten sechs teils ratlose, teils unwirsche aber allesamt neugierige Männer.

Marvin führte sie zu sechs eleganten schwarzen Raumschiffen, die allein in einer Halle aneinandergereiht standen.

So knapp wie möglich instruierte er die sechs, letztlich mussten sie nur einsteigen und abwarten.

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, schlurfte er danach aus der Halle. Er überlegte ernsthaft, ob er nicht doch mal im Restaurant oben anrufen sollte, ob seine alten Gefährten dort wären.

Ankunft

Auf einem kleinen, unbedeutenden Stern irgendwo inmitten von nirgendwo Besonderem – nirgendwo, das heißt, nirgends, wohin man je gelangen könnte, da der Stern von einem gewaltigen Unwahrscheinlichkeitsfeld abgeschirmt ist – regnete es.

Der Regen prasselte und tanzte auf das Wellblechdach der kleinen Hütte, die mitten auf einem öden Stück Land stand.

Drinnen war das Geräusch des Regens auf dem Dach der Hütte ohrenbetäubend laut, wurde aber von ihrem Bewohner so gut wie nicht beachtet, dessen Aufmerksamkeit auf andere Dinge gerichtet war.

Der Mann schaute sich interessiert in der Hütte um, als sähe er sie zum ersten Mal. Er sah einen alten, abgewetzten Armsessel, einen alten, zerkratzten Tisch, eine alte Matratze, ein paar Kissen und einen Ofen, der klein, aber warm war.

Wasser tropfte durch das Dach auf seine zerzausten Haare. An sich herabblickend bemerkte er eine leicht vom Wetter mitgenommene alte Katze, die schnurrend um seine Beine strich. Fast war es, als wolle sie den Mann begrüßen.

Dieser hielt es für eine gute Idee, sich erst einmal zu setzen. Behutsam nahm er die Katze auf den Schoß und begann, sie versonnen zu streicheln.

„Mein lieber Gott“, murmelte er.

Nach einer Weile vernahm er ein Pochen, das sich irgendwie von dem Prasseln der Regentropfen auf dem Dach unterschied.

Das Pochen wiederholte sich nach einer weiteren Weile – rhythmisch, fordernd.

„Erwartest du noch andere außer mir?“, fragte der Mann die Katze.

Diese maunzte etwas ungehalten, sprang von seinem Schoß und widmete sich in einer relativ trockenen Ecke der Hütte ihrer Körperpflege.

Der Mann überlegte noch ein wenig und entschloss sich dann, die Tür zu öffnen. Schließlich würde er nie herausfinden, was sich dahinter verbarg, wenn er nicht nachschaute.

Sechs Männer betraten zögernd die Hütte. Mit Blick aus der Tür konnte ihr Bewohner sechs schwarze Raumschiffe erkennen, die reglos in der Luft hingen.

Die sechs sahen sich fragend und betreten an. Der Bewohner der Hütte setzte sich einfach wieder in seinen Sessel und betrachtete sie interessiert.

Der vermutlich jüngste unter den sechs fasste sich schließlich ein Herz und sprach ihn an: „Ich … mein Meister schickt mich … Bist du der … andere Meister?“

Der Mann in dem Sessel lächelte den jungen Mann freundlich an. Amüsement schien in seinen Augen aufzuflackern, ein schelmisches Blitzen, das von geheimem Wissen zeugen mochte. Der Blick wurde jedoch nachdenklich, als verblasse dieses Wissen oder als schlichen sich Zweifel in seine Gedanken.

„Ich weiß es nicht“, antwortete er schließlich. „Ich denke, es liegt bei dir zu entscheiden, wer ich für dich sein soll.“

Der Mann in dem blauen Raumanzug stöhnte daraufhin leicht resigniert auf. Anscheinend kannte er rätselhafte Antworten dieser Art zur Genüge. Auch der kahlköpfige Mann verdrehte die Augen.

„Beantwortest du alle Fragen auf diese Weise?“, fragte er.

„Ich sage, was mir in den Sinn kommt, wenn ich meine, jemanden reden zu hören.“

Der Mann in dem grauen Kapuzenumhang trat vor und musterte den Mann.

„Was machst du hier an diesem Ort?“, hauchte er.

„Ich habe den Eindruck, in einem Sessel zu sitzen und mich mit sechs Männern zu unterhalten. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein.“

Der Mann kicherte auf einmal und sagte dann: „Aber vielleicht sind die sechs Männer auch hier, um meiner Katze etwas vorzusingen.“

„Ich meine“, sprach der Umhangträger leicht erbost, „was du sonst hier machst.“

„Das ist eine Frage nach Zukunft und Vergangenheit, nicht wahr?“

„Ja“, sagte der Umhangträger hoffnungsvoll.

Wieder blitzte der Schalk in den Augen des sitzenden auf.

„Woher soll ich wissen“, sagte er, „ob die Vergangenheit keine Fiktion ist, die nur erfunden ist, um den Zwiespalt zwischen meinen augenblicklichen Sinneswahrnehmungen und meiner Geistesverfassung zu erklären?“

Der Mann in dem Kapuzenumhang trat offensichtlich beeindruckt zurück und schien ernsthaft über diesen Satz nachzudenken.

Der Mann in dem Sessel verzog jedoch wieder seine Miene, als versuche er eine verblassende Erinnerung zu greifen.

„Wenn ich aber so darüber nachdenke“, murmelte er kaum hörbar, „meine ich mich zu erinnern, erst vor kurzer Zeit hier eingetroffen zu sein.“

Der Mann in dem Overall hatte sich derweil mit der Katze beschäftigt. In seinen Taschen hatte er eine alte Dose Fisch entdeckt und sie damit gefüttert.

Nun wandte er sich dem Mann in dem Sessel zu und fragte: „Wie ist eigentlich dein Name?“

Die Frage riss ihn aus seinen Grübeleien. Er hob den Kopf und öffnete den Mund, um zu antworten.

Dann stockte er, und tiefe Furchen gruben sich in seine Stirn. „Es scheint mir sehr merkwürdig“, sagte er schließlich, „einem Bündel vager Sinneswahrnehmungen einen Namen zu geben.“

Der eben noch wie ein Mann in einem roten Raumanzug wirkende steinalte Mann in einem weißen Totenhemd trat an die Seite des Sessels und stützte sich an der Lehne ab. Er lächelte wissend als er seine papierüberzogene Knochenhand auf die Schulter des Mannes legte.

„Singen wir deiner Katze einfach noch ein paar Lieder vor“, kam es krächzend aus seiner Kehle.

Da Ijon Tichy daran gedacht hatte, ein paar Flaschen aus dem Restaurant am Ende des Universums mitzunehmen, wurde es noch ein sehr gelungener Abend.

Ende

Leseprobe: Die Takhal Gud Looter

Wie berichtet habe ich im letzten Jahr meinen ersten Heftroman für die -Fanfiction-Serie Dorgon fertiggestellt – und zwar Band 130 der Reihe. In diesen Tagen ist dieser nun erschienen, soll heißen: er kann ab sofort kostenlos heruntergeladen werden.1 Obwohl ich von dieser Perry-Parallelwelt fast gar keine Ahnung habe, hat mir das Schreiben sehr viel Freude gemacht. In der Rahmenhandlung habe ich mich mit einer Hauptfigur aus der Originalserie austoben können: niemand geringerem, als Mausbiber Gucky höchstpersönlich. Auch in der anderen Handlungsebene hatte ich ziemlich freie Hand, da ich eine neue Figur vorstellen durfte. In dieser präsentiere ich die ersten Absätze des -Romans, in denen ich besagten Mausbiber zunächst etwas leiden lassen muss – wohlgemerkt vor seinen erfreulichen Abenteuern der aktuellen Erstauflage.

Aber lest selbst!

Kapitel 1: Allein

5633 A.D., Raumschiff CASSIOPEIA, irgendwo zwischen den Sternen der Milchstraße

Die Panikattacke traf ihn aus heiterem Himmel. Gucky hatte gerade seine Kabine in der CASSIOPEIA betreten, klassisch zu Fuß, denn er hatte den Weg dorthin gebraucht, um nachzudenken. Es fühlte sich an, als würde die Pranke eines Haluters seine Brust packen und zusammenquetschen, ein dumpfer Schmerz, heiß und kalt zugleich. Ebenso schlagartig wurde sein ganzes Wesen nur noch von einem Gedanken beherrscht: »Ich bin allein!«

Der Mausbiber ging in die Knie, beugte sich vornüber und stützte sich auf den Oberschenkeln ab.

Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.

Er zwang sich zur Ruhe. Nach fast viertausend Jahren Lebenszeit hatte man alles schon erlebt, auch die ein oder andere Panikattacke. Wäre doch gelacht, wenn er sie nicht durch ein paar Dagorübungen seines guten alten Freundes Atlan …

Gucky fiel vornüber und fing sich mit seinen Pfotenhänden ab. Die Ohren angelegt, auf allen Vieren kriechend, versuchte er, seinen Atem wieder in den Griff zu bekommen. Es wollte ihm nicht gelingen. Mit offenem Mund hechelte er wie ein überhitzter terranischer Hund. Atlan war tot oder hatte nie gelebt. Was auch immer hier gerade vorging, er war nicht mehr da. Ebenso die anderen Freunde und Gefährten, die ihm in solchen Momenten zur Seite gestanden hätten, indem sie über seine Witzchen lachten oder ihm die Ohren kraulten. Niemand war mehr da – erst recht keine anderen Ilts …

Ihm war bewusst, dass ihn diese Gedanken immer tiefer in den Panikstrudel rissen. Er durfte dem Sog nicht nachgeben, musste sich dagegenstemmen und buchstäblich auf andere Gedanken kommen.

Vielleicht half es, wenn er sich erst einmal hinlegte, am besten gleich an Ort und Stelle. Er rollte sich auf dem Fußboden zusammen, wie ein Neugeborenes. Tatsächlich beruhigte sich sein Atem. Er schlang seine Arme um die angezogenen Knie und versuchte einstweilen, an gar nichts zu denken. Dieser Moment der Ruhe währte jedoch nicht allzu lange. Mit der nächsten schmerzhaften Erinnerungswelle an seine Freunde stellte sich sein Nacken- und Rückenfell auf. Er presste seine Augen zusammen, seine Muskeln verkrampften, bis er nur noch ein wimmernder, zitternder Ball war. Sein Geist schrie seinen Schmerz in den Hyperraum hinaus. Mit einem Teil seines Verstandes nahm er die anderen Besatzungsmitglieder in unmittelbarer Nähe wahr, in den Korridoren und angrenzenden Kabinen. Trotz des alles beherrschenden Schmerzes wollte er sie nicht gefährden. Instinktiv teleportierte er an den unbelebtesten Ort im Schiff, einen Frachtraum im Unterdeck.

Gucky hatte seine Körperhaltung kaum verändert, als er im selben Augenblick mitten in der Halle zwischen den Containern erschien. Allerdings schwebte er nun – von seinen telekinetischen Kräften gehalten, einem Embryo gleich – gut anderthalb Meter über dem Hallenboden. Mit eben diesen Kräften ertastete er seine Umgebung, griff nach dem nächstbesten Container und schleuderte ihn mit aller Kraft davon.

Das tat gut, stellte er fest. Ein weiterer Container wurde von ihm gepackt, emporgehoben und wie eine Dose aus dünnem Blech zerquetscht. Er machte sich viel zu selten bewusst, wie groß seine Macht in Wahrheit war.

Falsch.

Er wusste sehr wohl um seine Macht und welchen Schaden er damit anrichten konnte. Genau deshalb hielt er sie die meiste Zeit, so gut es ging, im Zaum, um jene, die er liebte, nicht zu gefährden. Doch nun war er, Gucky …

Nein, diesen Namen hatten ihm einst seine Freunde gegeben, er erinnerte ihn zu sehr an all jene, die nun nicht mehr da waren. Davor hatte er anders geheißen, das war besser.

Nun war er, Plofre, allein. Auf wen musste er nun noch Rücksicht nehmen?

Der Gedanke ließ ihn innehalten. Er war mit einem unheimlichen Gefühl von Freiheit einhergegangen. Unheimlich deshalb, weil es die Freiheit von Verantwortung, von Rücksicht und von Gnade war – und er dieses Gefühl einen winzigen Moment lang begrüßt hatte.

Doch dieser Moment war vorübergegangen. Die Angst vor dem Weg, den er damit eingeschlagen hätte, war zu groß und überlagerte alle anderen Ängste und Sorgen. Er war trotz allem noch immer Gucky, der Retter des Universums, und würde es immer bleiben.

Der Mausbiber öffnete die Augen, stellte seine Ohren wieder auf und streckte seinen Körper. Langsam sank er auf den Hallenboden zu und betrachtete dabei den Schaden, den er angerichtet hatte. In dieser verqueren Zeitlinie gab es leider keine Bank, auf der er ein Konto mit dem einen oder anderen Notgroschen hatte, mit dem er das alles hätte bezahlen können. Der Gedanke, seine Schuld mit jahrelangem Tellerwaschen und Möhrenschälen begleichen zu müssen, ließ ihn schmunzeln und den Nagezahn kurz hervorblitzen.

Am Boden wollten ihn seine Beine fast nicht tragen. Sie waren butterweich und zitterten, als er stand. Auch das gehörte zur Wahrheit über seine Fähigkeiten: Ihre exzessive Nutzung war auf Dauer furchtbar anstrengend. Dank der Stütze seines Biberschwanzes stand er dennoch stabil und konnte sich einen Moment lang erholen. Der Zellaktivatorchip unter seinem Schlüsselbein erzeugte dieses merkwürdige Gefühl, das irgendwo zwischen Brennen, Pochen und taubem Kribbeln lag und immer dann auftrat, wenn das Gerät gegen Verletzungen oder große Erschöpfung anarbeiten musste. Er atmete tief durch, klatschte schließlich in die Hände, wie um sich selbst aufzumuntern, und nutze die leidlich aufgefüllten Kraftreserven für einen Teleportersprung in seine Kabine.

Gucky materialisierte direkt über der Matratze seiner Koje und ließ sich einfach fallen. Viel Ruhe war ihm jedoch nicht vergönnt. Zwar hatte er sein Armbandkom schon vor seinem kleinen Ausflug in den Frachtraum stumm geschaltet, die Kabinenpositronik entschied nun jedoch, ihn auf die zahlreichen aufgelaufenen Nachrichten und Kontaktversuche aufmerksam zu machen. Zumal ihre Absenderin in diesem Moment auf dem Weg zu ihm war und in ein paar Augenblicken vor seiner Kabinentür stehen würde.

Der Ilt seufzte und rappelte sich wieder auf. Er watschelte in die Nasszelle und machte sich im Spiegel einen Eindruck von seinem Erscheinungsbild. Er sah furchtbar aus. Sein Fell war stumpf und struppig, seine Ohren hingen kraftlos herunter, und seine Augen hatten jeden Glanz verloren. Zum Glück war er für alle anderen Wesen an Bord ein exotisches Alien, dessen Aussehen niemand einschätzen und deuten konnte. Niemand hatte eine Vorstellung davon, wann ein Ilt fit und gesund aussah und wann er erschöpft und ausgelaugt war. Außerdem wurde man nicht dreitausendachthundert Jahre alt, ohne sich glaubhaft verstellen zu können. Ein paar Spritzer Wasser ins Gesicht, den Nagezahn blitzen lassen – und schon zwinkerte ihm im Spiegelbild wieder der gute alte, zu Späßen aufgelegte Mausbiber von nebenan entgegen. So ging er zur Kabinentür und öffnete sie nur wenige Sekunden, ehe seine Besucherin den Klingelsensor betätigen konnte.

»Constance, alte Hexe«, sagte er beschwingt und blickte schelmisch zu ihr empor. »Was verschafft mir die Ehre?«

Bei aller betonten Flapsigkeit meinte er den Titel nicht abfällig. Das Interkosmo-Wort für »Hexe« wurde zwar auch für die altterranische Märchenfigur verwendet, stand ursprünglich aber für die weisen Feuerfrauen der arkonidischen Zhy-Religion. Es war also ein Ehrentitel – und so hatte es Constance auch verstanden.

Sie ging in die Hocke, um mit ihm, dem deutlich kleineren Ilt, auf Augenhöhe zu sein. Gucky blickte in ein offenes freundlich lächelndes Gesicht, die Augen darin drückten ehrliches Mitgefühl aus.

Als Entropin sah Constance exakt wie eine Menschenfrau aus, ihre Gestik und Mimik war ebenfalls vergleichbar. Und damit kannte Gucky sich aus. Er hatte den überwiegenden Teil seines Lebens unter Menschen verbracht, Terranern, Arkoniden und wie sie alle hießen. Der Stammbaum dieses Volks war absurd kompliziert und weit verzweigt – erst recht, wenn man die Cappins oder gar die V’Aupertir einbezog. Das Ergebnis war, dass man praktisch überall im Universum auf Angehörige und mehr oder weniger entfernte Verwandte treffen konnte. Ein Mensch würde niemals allein sein.

Gucky verscheuchte den letzten Gedanken sofort wieder. Er durfte nicht erneut in Schwermut verfallen, als Empathin würde Constance das sofort bemerken. Deswegen war sie mit Sicherheit hier.

»Ich habe mir Sorgen gemacht«, sagte sie dann auch.

Gucky beschloss spontan, dass es genug der Schauspielerei war. Hier stand eine Person vor seiner Tür, die ihm aufrichtig helfen wollte. Ein weiser alter Ilt wie er nahm so ein Angebot natürlich an.

Daher trat er einen Schritt zur Seite und fragte: »Möchtest du nicht reinkommen?«


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  1. siehe ganz unten[]
  2. Nicht über die Illustrationen wundern, sind eher symbolischer Natur.[]

Leseprobe: Der Jungfernflug der GOOD LUCK

Im Rahmen der -FanEdition erschien 2024 mein -Heftroman „Der Jungfernflug der GOOD LUCK“. Das Abenteuer spielt in der Frühzeit der Serie und beginnt mit einer Szene aus Sicht der damaligen Schurken, der wespenartigen Vecorat. In dieser präsentiere ich die ersten Absätze meiner Geschichte – womöglich nicht nur für Rhodan-Fans von Interesse.

Aber lest selbst!

Wurzeln: zwischen den Sternen, August 1972

Das Gedankenkonzert der Vecoratflotte erzeugte ein leises Summen. Hier zwischen den Sternen war man zwar ungestört vor den disharmonischen Gedanken anderer Wesen, dennoch war die Grundstimmung deprimiert, beschämt und hoffnungslos. Die Invasion der vermeintlich primitiven Erde war gescheitert. Sie waren besiegt und vertrieben worden. In einem höhnischen Akt der Gnade hatten Perry Rhodan und seine Terraner die Besiegten unversehrt abziehen lassen. Man nahm sie nicht als Bedrohung wahr, nur als Störenfried, der sich nie wieder blicken lassen durfte.

Die Flotte hatte sich mitten im Leerraum gesammelt, Lichtjahre von der Erde entfernt. Die Milchstraße war in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden ein immer unfreundlicherer Ort für die Vecorat geworden. Nicht einmal hier in ihrem Randgebiet konnten sie noch Fuß fassen. Von anderen Flotten war längst nichts mehr zu spüren. Falls noch andere Vecorat existierten, mussten sie Hunderte Lichtjahre entfernt sein, viel zu weit, um ihre Gedanken zu erspüren.

Nach einiger Zeit setzte sich im Gedankenkonzert die Frage nach einem neuen Ziel durch. Die Flotte hatte bis hierhin überlebt, sich zwischen den Sternen treiben zu lassen, war keine Option. Trotz ersetzte die Hoffnungslosigkeit.

Ein Schiff hielt sich bei der Entscheidungsfindung zurück. Von hier kam nur ein vages Gedankenrauschen. Das war Absicht, denn man wollte der Flotte gegenüber, die technischen Probleme verbergen, mit denen man zu kämpfen hatte.

Im Zuge der Kampfhandlungen und aus Gründen des Verschleißes hatte die Energieversorgung starken Schaden genommen. Mit Bordmitteln waren diese Schäden nur notdürftig zu beheben. Genauer gesagt, gelang es ihnen nur, die Katastrophe immer wieder ein Stück hinauszuschieben.

Hier draußen zwischen den Sternen war selbstlose Solidarität für eine heimatlose Flotte keine Überlebensstrategie. Unter den Vecorat galt es als ungeschriebenes Gesetz, das Überleben der Mehrheit nicht durch die Rettung einer Minderheit zu gefährden, wenn die Ressourcen derart begrenzt waren und kein Rückzugsort zur Verfügung stand. Aus diesem Grund hatte man auf dem fraglichen Raumschiff beschlossen, sich zurückzuhalten und das Beste zu hoffen.

Als man sich auf einen vielversprechenden Zielstern in einigen Hundert Lichtjahren Entfernung geeinigt hatte, beschleunigte auch dieses Schiff auf Sprunggeschwindigkeit. Falls man es schaffte, das Ziel zu erreichen, und dort einen sicheren Hafen fand, konnte man mit der Hilfe der Flotte rechnen. Falls nicht, hatte man es wenigstens versucht.

*

Die Ortungsoffizierin erkannte auf den ersten Blick, dass sie es nicht geschafft hatten. Ihre Bildschirme zeigten eine blaue Riesensonne in einem guten Lichtjahr Entfernung. Es war definitiv nicht der Zielstern, den die Flotte angesteuert hatte. Die Sternbilder hatten sich kaum verändert, daher war die Sache klar. Der Reaktor hatte dem Transitionstriebwerk nur einen Bruchteil der angeforderten Energie liefern können. Sie waren maximal zehn, zwanzig Lichtjahre gesprungen und in den Normalraum zurückgefallen.

Sie blendete das panische Geschrei des Gedankenkonzerts aus. Der missglückte Sprung hatte die Energieversorgung endgültig überfordert. Detonationen erschütterten das Schiff, kurz darauf fiel ein System nach dem anderen aus. Es wurde schlagartig dunkel, die künstliche Schwerkraft setzte aus. Wenn das Schiff nicht vorher vollständig explodierte, konnte sie nur darauf wetten, ob die Kälte oder die kosmische Strahlung sie als Erstes umbrachte. Sie und die befruchteten Eier in ihrem Körper.

Vielleicht war es Überlebenstrotz, mütterlicher Instinkt oder schlicht die Neugierde, ob sie es schaffen würde. In aller Ruhe stieß sie sich von ihrer Ortungsstation ab und schwebte zum Ausgang der Zentrale. Die übrigen Offiziere hatten sich aus Todesangst instinktiv in Starre versetzt oder waren hinausgestürmt, als die Schwerkraft noch funktioniert hatte.

Der Korridor, der direkt zu den Rettungskapseln führte, war völlig zerfetzt und zusammengeschmolzen. Eine explodierte Energieleitung hatte ihn unpassierbar gemacht – und vermutlich zahlreiche Vecorat in den Tod gerissen.

Sie wählte einen anderen Gang und erreichte schließlich eine noch intakte Fluchtkapsel. Auf ihrem Weg war sie keinem lebenden Vecorat begegnet, wobei einige der reglos in den Gängen schwebenden Körper auch in Starre gewesen sein konnten.

In ihren Gedanken war nur noch das kaum wahrnehmbare Summen erstarrter Artgenossen zu vernehmen. Es schien, als läge die Zukunft ihres Schwarms jetzt allein in ihren Händen, sofern sie das Glück hatten, dass dieser Stern von einem lebensfreundlichen Planeten umkreist wurde.

Die Anzeigen der Fluchtkapsel gaben ihr Hoffnung. Mindestens drei Planeten lagen in der habitablen Zone und sandten ein elektromagnetisches Spektrum aus, das auf eine präkosmische Kultur schließen ließ. Das Hyperspektrum war bis auf natürliche Emissionen still. Das war prinzipiell ein gutes Zeichen – auch wenn das Beispiel der Erde zeigte, dass man sich davon nicht in Sicherheit wiegen lassen durfte.

Sie hatte keine Wahl und startete die Kapsel keinen Moment zu früh. Das Schiff, in dem sie ihr ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, verging hinter ihr in einem sonnenhellen Glutball, der in einem Jahr den Astronomen auf jenen Welten einige Rätsel aufgeben dürfte, falls es dort welche gab.

Sie setzte einen Kurs auf den achten Planeten, der ihr als vielversprechendstes Ziel erschien. Um unentdeckt zu bleiben, wählte sie eine Bahn, die kaum Kurskorrekturen ihrer Kapsel erforderte und somit bei zufälliger Entdeckung als die eines natürlichen Objekts durchgehen konnte. Da sie ohnehin über wenig Energieressourcen verfügte, war anderes kaum möglich. Durch diesen Kurs würde sie zwischen zwanzig und dreißig Jahren unterwegs sein, eine Zeit, die sie und ihre Brut problemlos unbeschadet in Starre überdauern konnten.


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Leseprobe: Mette vom Mond

Neues Jahr, neue -Rubrik. Wobei, so neu ist sie nicht, denn schon im letzten Jahr habe ich meinem Newsletter stets eine kleine hinzugefügt. Dies sei nun zu euer aller Erbauung ins Blog übertragen.

Naheliegenderweise beginne ich mit einem Auszug aus meinem „echten“ „Mette vom Mond“, das ich 2023 unter dem Pseudonym Finn Mühlenkamp beim Literarischen Lloyd veröffentlicht habe. Da man auf der Verlagsseite bereits eine Leseprobe mit den ersten beiden Kapiteln findet, präsentiere ich hier die erste Hälfte von Kapitel drei.

Aber lest selbst!

Kapitel 3: Fleißige Helferlein

»Na, wie war deine AG heute, Mette?«, fragte die Königin eines Tages nach der Schule. Mama Marie war jedes Mal neugierig, was Mette für neue Ideen mitbrachte. Mette lächelte, griff in ihre Tasche und zog ein metallisches Etwas hervor, das bei genauerem Blick wie eine Raupe aussah.

»Das ist Raupi«, sagte Mette. »Die haben wir letzte Woche angefangen zu bauen. Sie ist aus Metall, hat vorne eine Kamera eingebaut, kann sich selbstständig bewegen und hört auf einfache Befehle. Schau!«

Sie legte die Raupe auf den Boden und sagte: »Okay, Raupi! Zwei Meter voraus, eine Vierteldrehung rechts, einen Meter voraus, eine Vierteldrehung rechts, zwei Meter voraus. Los!«

Und tatsächlich: Mit einem kurzen Piepser quittierte das Metallinsekt den Befehl, krabbelte los und folgte exakt dem vorgegebenen Pfad.

Die Königin war sehr beeindruckt – doch das war noch nicht alles. Erneut setzte Mette Raupi am Ausgangspunkt auf den Boden und gab ihr denselben Befehl. Diesmal hatte sie aber einen Bauklotz in den Weg gelegt. Wieder lief das Metalltier den Weg ab, blieb vor dem Bauklotz aber einen Moment stehen und umrundete ihn dann kurzerhand.

»Faszinierend!«, sagte die Königin. »Deine Raupe befolgt Befehle, kann aber trotzdem selbstständig agieren. Das musst du mir mal etwas genauer erklären.«

»Gern«, sagte Mette und fing an, von Spracherkennung, Programmierung, Algorithmen und Codes zu berichten.

»Das ist ja alles total spannend«, musste Mama Marie zugeben. »Aber heißt das, dass du die Lust am Raketenbau erst einmal verloren hast?«

Mette setzte eine erstaunte Miene auf. »Wie kommst du denn auf die Idee?«

Ein paar Wochen später rief Mette ihre Eltern wieder zusammen, als sie von der Schule kam.

»Ich muss euch etwas zeigen«, sagte sie. Behutsam holte sie eine etwa einen Meter große Metallfigur aus ihrer Tasche und stellte sie auf die Werkbank. »Darf ich euch SARI vorstellen?«

»SARI?«, fragte ihre Mutter.

»Genau«, sagte Mette, »das ist die Abkürzung für ›selbstständig arbeitende Roboter-Ingenieurin‹.«

Dann nahm sie die Baupläne eines ihrer aktuellen Raketenmodelle und breitete sie vor SARI aus.

»Okay, SARI!«, sagte sie. »Bau die Rakete nach! Los!«

Nach den ersten beiden Wörtern leuchteten die Augen des Roboters auf und ein kurzes glockenhelles Geräusch ertönte. Dann bewegte SARI ihren Kopf, schaute sich einige Augenblicke lang die Baupläne an, blickte sich um und fing an, auf der Werkbank hin und her zu laufen. Sie trug Baumaterial und Werkzeug zusammen und begann schließlich mit dem Zusammenbau. Einmal krabbelte sie sogar von der Werkbank herunter, um sich Teile zu suchen, die sie dort nicht finden konnte. Unter den immer größer werdenden Augen von Königin und König hatte sie binnen weniger Minuten die Rakete zusammengebaut und vor sich abgestellt. Erwartungsvoll schaute Mette ihre Eltern an, doch diese brachten zunächst kein Wort heraus.

»Das war …«, sagte der König schließlich.

»… beeindruckend«, beendete die Königin den Satz.

»Aber …«, sagte der König – und wünschte sich einen Moment später, er hätte es nicht gesagt. Denn wie konnte er es nach einer so beeindruckenden Vorstellung wagen, seiner Tochter mit einem »Aber« zu kommen?

Doch Mette sah ihn erwartungsvoll lächelnd an. »Was denn, Papa?«, fragte sie.

»Nun ja …«, sagte er. Jetzt konnte er seinen Einwand nicht mehr zurücknehmen. »Auch dieser eine Roboter, so wunderbar er ist, wird uns keine große Rakete bauen können, mit der wir zum Mond fliegen können. Wir bräuchten hunderte davon, wenn nicht mehr.«

Mettes Lächeln wurde noch ein ganz klein wenig breiter. »Okay, SARI!«, sagte sie. »Bau dich selbst nach! Los!«

»Stopp!«, riefen der König und die Königin wie aus einem Mund.

»Okay, SARI! Halt!«, sagte Mette und blickte ihre Eltern fragend an. Der kleine Roboter hielt in der gerade begonnenen Bewegung inne und rührte sich nicht mehr. »Was denn?«, fragte sie.

»Nun«, setzte die Königin an. »Maschinen, die sich selbst nachbauen können, können ganz schön gefährlich werden.«

»Wieso das denn?«, fragte Mette.

»Exponentielles Wachstum«, sagte der König. »Hast Du noch nie vom Zauberlehrling gehört? Oder von der Schachbrettaufgabe? Oder von grauem …«

»Papa!«, unterbrach ihn Mette. »In Kindersprache bitte!«

Königin Marie übernahm wieder. »Was dein Vater meint«, sagte sie, »ist Folgendes: Nachdem deine SARI sich nachgebaut hat, haben wir zwei SARIs, wenn diese beiden sich jeweils nachbauen, haben wir vier SARIs. Im nächsten Schritt sind es schon acht SARIs, dann sechzehn, dann zweiunddreißig und so weiter. Mit jedem Schritt verdoppeln sie sich. Nach zehn Schritten sind es schon über tausend, nach nochmal zehn …« Sie zählte einen Moment lang leise an ihren Fingern nach. »… über eine Million.«

»In kurzer Zeit«, sagte der König, »ist die ganze Welt mit SARIs überfüllt. Jedes verfügbare Material wird in SARIs umgebaut bis die Erde selbst nicht mehr da ist – nur noch Milliarden von SARIs, die alles, was es gibt, in noch mehr SARIs umbauen …«

Er hörte auf zu reden, als er merkte, dass Prinzessin Mette und Königin Marie ihn mit großen Augen anstarrten.

»Im Ernst jetzt?«, fragte Mette. »Glaubst du, an sowas hat unsere Lehrerin nicht gedacht? Egal was eine SARI gerade macht, man kann sie jederzeit mit dem Befehl ›Stopp‹ oder ›Halt‹ aufhören lassen. Sie hört auch auf ›Anhalten!‹, ›Aufhören!‹ und ›Lass das!‹ Beruhigt?«

Der König wollte etwas erwidern, doch Mette unterbrach ihn.

»Außerdem«, sagte sie, »hat SARI einen Schalter auf dem Rücken, mit dem man sie jederzeit ausmachen kann.«

König Manuel hob den Finger und öffnete den Mund.

»Und«, sagte Mette, »wir haben noch diese Fernbedienung gebaut, mit der man alle SARIs im Umkreis von hundert Metern ausschalten kann.« Sie holte ein kleines gelbes Metallkästchen mit einem großen roten Knopf darauf hervor.

Der König ließ den Finger sinken und machte seinen Mund zu.

Die Königin klatschte in die Hände und rief: »Prima! Ich sehe, du hast an alles gedacht, Mette. Dann machen wir uns mal an die Baupläne.«


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