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Meine kleine, experimentelle, ungeplottete, unlektorierte und einfach drauflosgeschriebene Fortsetzungsgeschichte geht hiermit in die zweite Runde. Die Grundidee orientiert sich wie gesagt an der "Liga der außergewöhnlichen Gentlemen", in der Kurzgeschichte F.R.I.C.K. habe ich schon einmal damit gespielt. Weiterhin viel Spaß damit!
Achtung! Die folgenden Inhalte unterliegen der Geheimhaltungsstufe "unsichtbar". Ihre Kenntnis muss unter allen Umständen geleugnet und nach Gebrauch vergessen werden.
gez. Ministerium des Unsichtbaren der Bundesrepublik Deutschland, Bundesamt für die Zusammenarbeit bei internationaler Gefahrenabwehr
Kapitel 1: Konspiration in Kreuzberg
Datum: Sonntag, 1. April 1990, Vormittag
Ort: Lokal „Einfall“, Berlin Kreuzberg
Anwesende Personen: Werner Bredebusch, Leiter a.D. H Omega, MfS; Nikolaus von Knatter, Leiter a.D. BAZinGa, MdU / Meisterdetektiv a.D.; F.L. (Name geschwärzt wg. Unschuldigenschutz), Bedienung
W.B.: Nick, schön dich zu sehen, lang ist‘s her.
N.v.K.: Ebenso – wobei es doch gerade einmal drei Jahre waren. (erhebt sich und reicht die Hand)
W.B.: Telefonate gelten nicht. (ergreift die Hand, festes Händeschütteln) Gesehen haben wir uns zuletzt bei deiner Verabschiedung.
N.v.K.: Nimm doch Platz.
W.B.: Danke. (rückt sich den freien Stuhl zurecht, beide setzen sich) Interessanten Treffpunkt hast du ausgewählt. Wie ich dich kenne, nach allen Regeln der Kunst ausbaldowert.
N.v.K.: Wir sind hier ungestört. Aber das weißt du ja längst. Du wärst nicht hier, wenn deine Überprüfung den kleinsten Zweifel daran gelassen hätte.
W.B.: (lacht) Wir können nun mal beide nicht aus unserer Haut. So wie du nicht aus deinem wunderbaren Tweed-Sachen kannst. Nicht ein bisschen auffällig für ein konspiratives Treffen?
F.L.: (tritt an den Tisch) Was darf ich ihnen bringen?
W.B.: Was sagen Sie zu seinem Stil? Großartig, oder?
F.L.: (zögert) Dazu habe ich keine Meinung.
W.B.: Ich meine, wo sieht man sowas heutzutage noch? Aber er kann’s tragen.
F.L.: Allerdings bin ich der Meinung, dass man über Anwesende nicht in der dritten Person sprechen sollte.
W.B.: (zögert und lächelt dann) Sie haben vollkommen Recht. Bringen Sie uns zwei Milchkaffee bitte.
F.L.: Mit Milchschaum, nehme ich an.
W.B.: Warum nicht?
F.L.: Kommt sofort. (geht ab)
W.B.: Und? Wie ist es dir ergangen, mein Lieber? Gut siehst du aus.
N.v.K.: Danke. Seit '82 außer Dienst, wie du weißt. Genieße das Leben als Familienmensch, Privatier – beziehungsweise Pensionär.
W.B.: Und hin und wieder als freischaffender Meisterdetektiv, nehme ich an.
N.v.K.: Verrat’s nicht meiner Frau. Aber im Ernst, mir geht’s gut. Sprechen wir lieber über dich. Wie geht es dir?
F.L.: (Serviert den Milchkaffee) Bitte sehr. (geht ab, der Milchkaffee wird verkostet)
W.B.: Ich wusste das natürlich schon seit ein paar Wochen. War trotzdem ein komisches Gefühl, als gestern die Kündigung auf meinem Schreibtisch lag. Beziehungsweise die Versetzung. Formal sitze ich ab morgen im Innenministerium bei vollen Bezügen und Ansprüchen. Ist ein Abschiebeposten ohne Funktion und Aufgabe – aber es gibt schlimmeres. Nun ja, die fünf Jahre bis zur Pension hätte ich natürlich gern noch die Omegaleitung gemacht – oder wenigstens für eine ordentliche Abwicklung gesorgt. Aber keine Sorge, ich bin versorgt. Und es ist ja auch richtig, dass das MfS so schnell wie möglich komplett aufgelöst wird.
N.v.K.: Für die Hauptverwaltung Omega hätte man aber eine bessere Lösung finden müssen. Ihr habt da gute Arbeit geleistet.
W.B.: (winkt ab) Die Wiedervereinigung ist nur noch eine Frage von Monaten, dann übernimmt euer Unsichtbares Amt. Ich bin sicher, dass bereits etliche BAZinGa-Agenten und Spezialisten aus dem Blauen Palais in der DDR unterwegs sind und sich um die dringendsten Angelegenheiten kümmern.
N.v.K.: Soll ich mich mal umhören? Ein paar Kontakte habe ich noch.
W.B.: (nimmt einen weitere Schluck Milchkaffee) Kannst du dich noch an unsere erste Begegnung erinnern?
N.v.K.: Natürlich. Ich verfüge über ein fotografisches Gedächtnis. Auch mit 70 funktioniert es noch einwandfrei.
W.B.: Davon bin ich überzeugt. Ist ziemlich genau 20 Jahre her, nicht wahr? Wäre Alfons nicht dazwischengegangen hätten wir euch ganz schön aufgemischt.
N.v.K.: (lächelt) Das habe ich etwas anders in Erinnerung. Lotta und Barbara hätten euch jeweils allein in den Sack gesteckt.
W.B.: Die hätte Walter schlafen gelegt, ehe die eine ihre Faust und die andere ihren Zauberstab erhoben hätte.
N.v.K.: Was macht der eigentlich? Ist er seit 88 überhaupt noch im Einsatz?
W.B.: Selbstverständlich. Auch ohne den Sand kann er immer noch alles fahren und fliegen, was es gibt. Zuletzt hat er unseren Fuhrpark geleitet. Aktuell überlegt er glaube ich noch, welches der zahlreichen Angebote er annehmen soll, um sich den Herbst seines Lebens zu vergolden.
N.v.K.: Freut mich zu hören. Ich mochte den kleinen Spitzbart.
W.B.: Lass ihn das bloß nicht hören! (lacht)
N.v.K.: Aber du hast doch sicher nicht um ein Treffen gebeten, nur um über die alten Zeiten zu plaudern.
W.B.: Da kombinierst du richtig, mein Lieber. Ich muss was Dringendes mit dir besprechen. Und zwar habe ich letzte Woche in einem Bericht gelesen, dass irgendwelche Leute in Bärenbach herumschnüffeln.
N.v.K.: Irgendwelche Leute?
W.B.: Ja, ich weiß, es ist vage. Ich lasse mir seit 1970 MfS-weit alles vorlegen, das irgendwie mit unserer gemeinsamen Vergangenheit zu tun hat. Wenn in einer Akte zum Beispiel Bärenbach erwähnt wird, will ich sie haben. Und letzte Woche war das der Fall. Der letzte Bericht eines IM vor Ort, in dem von Gestalten die Rede ist, die sich nachts in den Ruinen der einstigen Behausung unseres gemeinsamen Freundes rumgetrieben haben.
N.v.K.: Naja, das werden Kinder oder Jugendliche gewesen sein.
W.B.: Möglich. Oder Erwachsene, die nach Baumaterial suchen. Aber es könnte auch jemand gewesen sein, der nach der Karte sucht. Hätte ich noch eine Hauptverwaltung Omega zu leiten, würde ich der Sache schnell auf den Grund gehen. Aber nun …
N.v.K.: Was schlägst du vor? Dass wir uns auf unsere alten Tage selbst in Bärenbach umsehen?
W.B.: (lächelt kurz) Sprich nur für dich, alter Knabe. Tatsächlich war ich schon vor Ort. Viel habe ich nicht herausbekommen, außer, dass die Zeugen ihre Angaben mir gegenüber bestätigt haben. In der fraglichen Nacht war in der Ruine Radau zu hören, als hätte dort jemand gewühlt und geräumt. Nennenswerte Spuren habe ich keine sichern können, dazu war ich auch gar nicht ausgerüstet. Aber es war ziemlich offensichtlich, dass da jemand zugange war. Es ist sogar ein Zugang zum Keller freigelegt worden.
N.v.K.: Zum Kombinieren noch zu wenig. Zumal niemand außer uns von der Karte weiß, beziehungsweise davon, dass sie 1970 geborgen wurde.
W.B.: Richtig. Das grenzt den Kreis der Verdächtigen ein.
N.v.K.: Falls es überhaupt etwas zu verdächtigen gibt.
W.B.: Ein Anfangsverdacht besteht. Und wir können es uns nicht leisten, das zu ignorieren. Die Karte ist ein viel zu mächtiges Artefakt. Wir haben nicht umsonst alle gemeinsam beschlossen, sie zu verstecken und unseren Vorgesetzten nichts davon zu sagen.
N.v.K.: (seufzt) Also gut, wie du meinst. Gehen wir systematisch vor und fragen erst einmal nach der Motivlage. Wer von den sechs – beziehungsweise acht – möchte ausgerechnet jetzt an ein Zeitreise-Artefakt gelangen.
W.B.: Ausgerechnet jetzt wegen des aktuellen Zuständigkeitsvakuums. H Omega ist ausgeschaltet, das Unsichtbare Amt noch nicht offiziell zuständig.
N.v.K.: Zugegeben. Beginnen wir mit meinem Team von damals. Barbara ist eine zufriedene Ehefrau und Mutter, Lotta ist noch immer das blühende Leben und Olsen sitzt für den Rest seines Lebens in psychiatrischer Verwahrung.
W.B.: Mach es dir nicht zu einfach. Bei Olsen hast du das Motiv einfach übergangen und bist gleich zur Gelegenheit gekommen. Bist du sicher, dass er noch immer da ist, wo du ihn vermutest? Oder ob er nicht seine Bande losgeschickt hat? Ein Leben lang hat er den ganz großen Coup versucht. Wäre das nicht eine Gelegenheit nach seinem Geschmack?
N.v.K.: Erneut zugegeben. Ich werde das überprüfen.
W.B.: Tu das. Und dann fühl gleich noch mal Barbara auf den Zahn. Ihr habt den Elefanten zwar vor zehn Jahren auf den Mond geschafft – aber ich könnte mir vorstellen, dass sie ihren Fehler von damals gern korrigieren möchte. Und warum ist ihr Sohn noch mal verschwunden?
N.v.K.: Du bist erstaunlich gut informiert.
W.B.: Ich war bei der Stasi, schon vergessen? Und Lotta Lang hat sich schon immer mit Regeln und Abmachungen schwergetan. Was wenn ihr auf einmal in den Sinn kommt, ein bisschen durch die Zeit zu reisen?
N.v.K.: Einverstanden, ich werde mich erkundigen. Ich nehme an, du hast Walter, Alfons und Rahel bereits überprüft und legst für sie deine Hand ins Feuer.
W.B.: So ist es. Sie haben alle ein Alibi. Bleiben die beiden Maschinen.
N.v.K.: Wieso die Maschinen? Was ist mit uns?
W.B.: Stimmt natürlich. Uns beide sollten wir nicht ausnehmen. Mir könnte man unterstellen, dass ich das Ende des Staates, in dem ich aufgewachsen bin und dem ich mein Leben lang gedient habe, ungeschehen machen will. Du könntest im Herbst deines Lebens sentimental geworden sein und nachträglich all jene retten wollen, die bei deinen Bemühungen auf der Strecke geblieben sind. Wieviele sind 78/79 erfroren, ehe wir die Eiskönigin endlich besiegen konnten? Oder wie wäre es damit, Metropolis zu retten? Oder die Titanic? Oder man denkt noch größer und …
N.v.K.: Ich habe schon verstanden. Du weißt ganz genau, dass wir diese Unterhaltung bereits vor 20 Jahren geführt haben. Dennoch: Ich lege dir gern lückenlos dar, was ich in den letzten Wochen und Monaten getrieben habe – und schaue mir im Gegenzug an, was du gemacht hast.
W.B.: Einverstanden. Bleiben immer noch die Maschinen.
N.v.K.: Abgesehen davon, dass beide ihre Programmierung überwunden beziehungsweise gelöscht haben: Maria hat 1980 endgültig die Erde verlassen und Rodenwald wird ja wohl kaum nach der Karte suchen, da er der Einzige ist, der weiß, wo sie jetzt ist.
W.B.: Da hast du recht, aber wir sollten es einmal alles ausgesprochen haben, damit wir nichts übersehen. Und wenn wir jetzt einmal annehmen, dass wir an alle Personen einen Haken machen können, …
N.v.K.: Dann kannst du hoffentlich wie ich deinen Ruhestand genießen.
W.B.: (überlegt) Wie sagte dein großes Vorbild immer so schön? Wenn man alles Unmögliche ausgeschlossen hat …
N.v.K.: Du kommst mir jetzt aber nicht mit den Zeitkobolden?
W.B.: Wie ich schon sagte: Das Risiko ist zu groß, um irgendeine Möglichkeit auszuschließen.
N.v.K.: Die sind eine Legende. Es gab nie belastbare Beweise für ihre Existenz.
W.B.: (zählt an den Fingern ab) Maria hat sie 1912 auf der Titanic gesehen. 1981 der Vorfall in England. 1986 sind sie in Winden gesichtet worden.
N.v.K.: Woher weißt du … (winkt ab) Selbst wenn es sie wirklich gibt und sie seit Äonen nach der Karte suchen. Niemand hat sie über die einmaligen Sichtungen hinaus verfolgen können.
W.B.: Weil es niemand ernst genommen hat. Für den Rest der Welt gilt sogar die Karte als Legende. Aber ich habe jetzt ja Zeit – und immer noch gute Kontakte zum einstigen MfS-Archiv.
N.v.K.: Während ich meinen alten Teammitgliedern nachspioniere, wühlst du in den Stasiarchiven nach Berichten über Zeitkobolde, verstehe ich das richtig?
W.B.: Das wäre mein Vorschlag. Und in einem Vierteljahr treffen wir uns wieder und vergleichen unsere Ergebnisse – falls sich etwas Dringendes ergibt, natürlich früher.
N.v.K.: Dann bliebe aber noch eine Aufgabe offen.
W.B.: Und die wäre?
N.v.K.: Solange wir von einer Gefahr ausgehen müssen, sollte jemand Rodenwald informieren und ein Auge auf ihn haben.
W.B.: Da hast du recht. Leider verfügen weder du noch ich über Personal, das wir entsenden können.
N.v.K.: (denkt nach) Ist er noch immer Hausmeister an der Uni von Sigmund-Jähn-Stadt?
W.B.: Ja, ist er. Was schwebt dir vor?
N.v.K.: Nun, meine Enkelin sucht gerade einen Studienplatz.
W.B.: Kluger Gedanke. Alfons‘ Tochter müsste auch in entsprechendem Alter sein.
N.v.K.: Kombiniere: Wir haben einen Plan.
Quelle: Gedächtnisprotokoll Nikolaus von Knatter, April 1990
Fortsetzung folgt ... |