„Die Stahlhöhlen“ von Isaac Asimov

Für einen selbsternannten -Nerd wie mich ist es eigentlich eine Schande, das zugeben zu müssen: ich befasse mich erst jetzt im fortgeschrittenen Alter angemessen intensiv mit dem Werk des SF-Großmeisters Isaac Asimov. Doch besser spät als nie und so dient mir die im Nachhinein zusammengestellte Roboter-Foundation-Buchreihe als Einstieg in den Klassiker. Nach drei Kurzgeschichtensammlungen – zuletzt der 200-Jahre-Mann – ist Band vier der erste komplette Roman in der Reihe.

Krimi unter Tage

Der Roman ist ein klassischer Krimi mit zwei ungleichen Partnern, die einen komplizierten Mordfall lösen müssen. Schon in den ersten Kapiteln habe ich sofort an Alien Nation1 oder ähnliche Kriminalfilme des letzten Jahrhunderts gedacht. In diesem Fall ist die Hauptfigur ein menschlicher Cop auf der Erde, der mit einem verhassten Roboter aus der Spacer-Kolonie zusammenarbeiten muss.

Aber eines nach dem anderen – und wenigstens wegen der Auflösung des zentralen Mordfalls platziere ich hier besser eine

WARNUNG VOR DEM SPOILER

Die Krimihandlung ist erwartungsgemäß in ein komplexes SF-Setting eingebettet, dessen Details und Besonderheiten unaufdringlich nebenher beschrieben werden – und spätestens ganz zum Schluss selbst handlungsrelevant sind.

Gespaltene Menschheit in ferner Zukunft

Wir befinden uns etliche Jahrhunderte – es ist sogar von über tausend Jahren die Rede – in der Zukunft. Die Menschheit auf der Erde lebt, acht Milliarden an der Zahl, nur noch in sogenannten Cities. Das sind gewaltige komplett von Kuppeln überdachte, teils unterirdische Megastädte, die jeweils zigmillionen Einwohner beherbergen und versorgen. Aus heutiger Sicht eine waschechte Dystopie, aber es zeugt von Asimovs Können, dass er diese seit Jahrhunderten gelebten Zustände aus Sicht der Protagonisten als völlig normal und teilweise sogar als erstrebenswert beschreibt. Selbst die Rebellen, die „zurück zur Scholle“ wollen, haben eigentlich gar keine echte Vorstellung davon, was das bedeutet.

Dann wären da die Spacer. Vor etlichen Jahrhunderten haben die Menschen eine Handvoll ferner Planeten besiedelt und dort eine prosperierende Kultur entwickelt. Im Gegensatz zur stagnierenden Menschheit auf der Erde ging auf den Kolonien der wissenschaftliche und medizinische Fortschritt ungebremst voran. Die Spacer, wie man sie auf der Erde inzwischen nennt, haben eine deutlich längere Lebenserwartung und ihre Technologie ist der auf der Erde weit überlegen.

Daher müssen die Erdenmenschen auch akzeptieren, dass die Spacer seit einiger Zeit eine Kolonie auf der Erde unterhalten und von dort aus Einfluss auf die Gesellschaft der Cities nehmen.

Dabei helfen ihnen – und das sind die dritten im Bunde – die Roboter. Die Asimov’schen Maschinenmenschen sind bereits seit tausend Jahren Bestandteil der menschlichen Gesellschaft. Dies gilt zur Handlungszeit aber vor allem für die Gesellschaft der Spacer. Die Menschen auf der Erde leben zwar auch in einer hochgradig automatisierten Gesellschaft, allerdings weitgehend ohne Einsatz der humanoiden autonomen Roboter. Dieser wird ihnen seit einiger Zeit von den Spacern regelrecht aufgezwungen, die sich davon offenbar einen Fortschritts-Impuls für die Erde versprechen. Wie zu erwarten verstärkt dies aber nur die Vorbehalte der Erdenmenschen gegenüber Robotern und Spacern gleichermaßen.

Mord in der Spacerkolonie

In dieser heiklen Gemengelage kommt es zu einem Mord. Ein Spacer wird in der Kolonie nahe New York erschossen aufgefunden. Interne Ermittlungen deuten schnell darauf hin, dass der Täter ein Erdenmensch gewesen sein muss – allerdings nicht der einzige, der offiziell anwesend war: ausgerechnet der Polizeichef von New York.2

Dieser konnte erwirken, dass einer seiner Leute diskret in dem Fall ermittelt, um größere diplomatische Verwicklungen zu vermeiden – oder zumindest hinauszuzögern. Elija Baley ist der Polizist, der als Hauptfigur die Ermittlungen leitet, ihm zur Seite steht der Spacer-Roboter Daneel. Die Mitarbeit des Maschinenmenschen war Bedingung der Spacer, um der disktreten Handhabung zuzustimmen.

Im Laufe der Handlung muss Baley seine fest verankerten Vorbehalte gegen Spacer und Roboter überwinden, die ihn oft auf die falsche Fährte locken.3 Erwartungsgemäß entwickelt er sogar eine Art Freundschaft zu Daneel. Nebenher werden die Details des interessanten Zukunftsszenarios beschrieben und einige geheime Hintergründe offenbart – darunter die Tatsache, dass auch bei den Spacern nicht alles im Reinen ist. Auch ihre Gesellschaft stagniert auf eine Weise und bräuchte neue Impulse, um auch in fernerer Zukunft weiterbestehen zu können.

Als sie den Fall schließlich lösen – der Mord war im Grunde ein Versehen, jemand wollte eigentlich einen Roboter zerstören4 – offenbart sich der eigentliche Plan einiger Spacer, die irdische Menschheit auf lange Sicht erneut zu den Sternen zu führen. Da dies aber nur aus eigenen Antrieb nachhaltig geschehen kann, soll einigen Menschen, darunter Baley selbst, die Idee eingepflanzt werden, dass die Menschheit nur durch neue interstellare Kolonien zu retten ist. Wie es aussieht, ist dieser Plan am Ende aufgegangen, die Saat ist gesät, der Gedanke, dereinst von der Erde aus wieder neue Planeten zu besiedeln, beginnt sich festzusetzen.

Spannender Schritt in Richtung Foundation

Ich muss gestehen, dass ich eher verhalten optimistisch an den Roman herangegangen bin – obwohl mir die Kurzgeschichten der vorangegangenen Bände ausnehmend gut gefallen haben. Aber ich dachte dann doch, dass man dem Schreibstil und den überkommenen Zukunftsvisionen ihr Alter anmerken würde. Auch saß in mir noch immer das Vorurteil fest – keine Ahnung, woher ich das hatte – dass Asimov seitenweise SF-Technik beschreibt und die gesellschaftlichen Implikationen sowie Handlung und Charaktere eher hintenanstehen.

Weit gefehlt! Auch wenn der Plot eine klassische Detektivgeschichte ist, ist er sehr spannend aufgezogen. Alle Figuren sind interessant und mehrschichtig gestaltet und es geht Asimov ganz offensichtlich hauptsächlich darum, welche Auswirkungen seine im großen und ganzen gar nicht mal so abwegigen technologischen Entwicklungen auf Mensch und Gesellschaft haben. Klasse!

Und es taucht schon ein Konzept auf, das später in der eigentlichen Foundation-Geschichte zum Tragen kommen wird und dann den Namen Psychohistorie tragen wird. Nämlich die Vorstellung, dass große gesellschaftliche Entwicklungen vorhergesagt und gezielt durch kleine Impulse und Änderungen angestoßen werden können.

Ich bin dann mal sehr gespannt, ob dieser kleine Mordfall tatsächlich dazu führen wird, dass die Menschheit in ein, zwei Generationen wieder zu den Sternen aufbricht. Womöglich erfahre ich es schon im Folgeband „Die nackte Sonne“.5

––––––––––––
  1. Na, wer erinnert sich noch? Auf deutsch hieß er „Space-Cop LA“, gab sogar eine Serie.[]
  2. Wenn hier von „New York“ die Rede ist, ist weder der US-Bundesstaat noch die heutige Stadt gemeint, sondern die „City“ im Sinne der zukünftigen Bedeutung des Romans. Diese erstreckt sich weit über die Fläche der heutigen Stadt hinaus und ist wie alle „Cities“ komplett unterirdisch beziehungsweise überdacht angelegt.[]
  3. also, die Vorbehalte, nicht die Spacer und Roboter[]
  4. den kompletten Spoiler lass ich hier dann doch mal weg und empfehle dringend, das Buch selbst zu lesen, falls noch nicht geschehen[]
  5. und bekomme dabei auch gleich erklärt, was das überhaupt sein soll[]

Kategorien: Lesetagebuch

1 Kommentar

  1. @roland
    Ich erinnere mich ganz finster, den vor Jahrzehnten mal gelesen zu haben. Immerhin, daß ich mich nach der Zeit überhaupt dran erinnere, sagt, daß das Ding gut war.
    Na ja, Asimov, halt.

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