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Lesetagebuch: Terry Pratchett kann auch Science Fiction

Das habe ich nun getan – beziehungsweise stecke ich noch mittendrin. Mein Schwerpunkt lag bzw. liegt dabei auf seinen Ausflügen ins Science-Fiction-Genre. Gelesen wurde „Die dunkle Seite der Sonne“, „Strata“ und der Zyklus „Die lange Erde“ mit Stephen Baxter. In letzterem stecke ich gerade in Buch zwei „Der lange Krieg“. Zeit für einen Eintrag ins Lesetagebuch.

Die dunkle Seite der Sonne

Das Buch stammt aus den 70er Jahren und stellt somit (genau wie Strata) ein Frühwerk des Meisters dar. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft. Die Menschheit hat sich in der Galaxis ausgebreitet und in zahlreiche Kolonialvölker aufgeteilt. Natürlich existieren auch viele außerirdische Völker, mit denen man aber im großen und ganzen friedlich koexistiert. Ein recht klassisches Szenario, wie man es in dieser Dekade oft zu lesen bekommen hat. Der Held ist ein junger Menschenabkömmling, dem ein großes Schicksal prophezeit ist – er soll nämlich das sagenumwobene Urvolk der „Joker“ entdecken. Natürlich wollen etliche Kräfte die Erfüllung dieser Prophezeiung verhindern – und natürlich scheitern diese Kräfte letztendlich. Auch hier: so weit, so klassisch. Wie immer bei Pratchett begeistern aber auch schon hier der flüssige Erzählstil, der angenehme Humor, die interessante Weltenbeschreibung und die pfiffigen Einfälle. Am besten hat mir da die „Erste Sirianische Bank“ gefallen, ein planetengroßer künstlich entstandener Computer (Planetenkruste aus Siliziumgestein, Plattentektonik und ein paar Blitze), der schon vor Jahrmillionen das Bewusstsein erlangt hat und seither als gigantischer Datenspeicher und -Verwalter für die galaktischen Zivilisationen dient. Sehr lesenswert.

Strata

Nur wenig später hat er dieses Science-Fiction-Kleinod geschrieben. Es ist auch für eingefleischte Scheibenwelt-Freunde eigentlich ein Muss, da Pratchett hier erstmals die Idee der Scheibenwelt entwickelt und ausarbeitet – wenn auch in gänzlich anderem Rahmen. Doch vorerst kurz zur Handlung und zum Szenario: Beides unterscheidet sich nicht allzu sehr von dem in „Die dunkle Seite der Sonne“ gelesenen. Wieder haben wir es mit einem recht klassischen Weltraum-Szenario mit etlichen von Menschen kolonisierten Welten und ein paar außerirdischen Völkern zu tun. Und wieder ist eine kleine zusammengewürfelte Crew einem großen kosmischen Rätsel auf der Spur. Eine kleine Besonderheit ist hier, dass die meisten Welten schon seit langem (wir befinden uns in einer Jahrhunderte entfernten Zukunft) gezielt durch so genannte Strata-Maschinen für die Kolonisierung designt werden – inklusive alter geologischer Schichten mit eingeschlossenen Fossilien. Das erinnert natürlich stark an die Magratheaner in „Per Anhalter durch die Galaxis“ – gehen wir mal davon aus, dass Pratchett sich damals etwas von einem gewissen Hörspiel hat inspirieren lassen. Hauptdarstellerin dieses Romans ist jedoch erneut ein toller Einfall Pratchetts, nämlich die Scheibenwelt selbst, die hier als komplett technisches Gebilde daherkommt – im Gegensatz zu ihrer späteren magischen Inkarnation. Ihre Erkundung durch die Helden ist der Höhepunkt des Romans, der den Leser am Ende mit einer durchaus interessanten Auflösung aller Rätsel zufrieden zurücklässt.

Die Lange Erde

Dieses Gemeinschaftsprojekt mit Stephen Baxter hingegen hatte seinen Ursprung in den 2000er Jahren auf einer Scheibenwelt-Convention (die genaue Entstehungsgeschichte ist wohl etwas komplexer, man möge sie selbst bei Wiki & Co. recherchieren). In mittlerweile vier Bänden erzählt diese Romanreihe die nahe Zukunft der Menschheit, nachdem diese Zugang zu unzähligen Parallelwelten erhalten hat, die allesamt mit nur geringem technischen Aufwand von Jedermann erreichbar sind. Das besondere hierbei: Auf keiner dieser Parallelerden leben bis dato Menschen. Darüber hinaus ist dieses Szenario sehr durchdacht und birgt viele sehr interessante Einfälle und Geheimnisse. Bislang habe ich den ersten Roman „Die Lange Erde“ fertig gelesen und stecke zur Zeit in der zweiten Hälfte von Band zwei „Der Lange Krieg“. Der erste ist klasse, auch wenn er im Grunde „nur“ die Erkundung der Parallelwelten und einiger ihrer Besonderheiten beschreibt. Band zwei fällt dagegen etwas ab. Er ist mir ein bisschen zu episodenhaft und weist keinen rechten roten Faden auf, der den Titel zu rechtfertigen scheint – zumindest nicht in den ersten beiden Dritteln des Romans. Erhältlich sind außerdem bereits „Der Lange Mars“ (auf den ich mich besonders freue) und „Das Lange Utopia“. Angeblich schreibt Baxter gerade an einem weiteren Roman zu der Serie. Man könnte jetzt noch diskutieren, inwiefern es sich bei dem Szenario überhaupt um SF – und nicht eher um konsistente Fantasy in pseudotechnischem Gewand handelt. Aber das ist eigentlich eine müßige Debatte. Mir macht diese Serie jedenfalls sehr viel Spaß. Sie schildert eine im wahrsten Sinne unendliche Welt mit viel Platz für herrlich absurde Ideen.

Lesetagebuch: „Kinder der Drohne“ von Neal Asher – Nennt mich Buchbezwinger!

Vor nunmehr zwei Monaten stellte ich Ace Kaiser im Rahmen des Lesezwingers die Aufgabe, mir ein Buch zu finden, in dem die Herrschaft der Maschinen positiv dargestellt wird.

Er bot mir Kinder der Drohne von Neal Asher als Lösung an – ich las das Buch und war recht angetan. Was auch schon wieder einen Monat her ist. Hier nun endlich meine ultimative Rezi dazu – sogar ziemlich Spoilerfrei.

„Kinder der Drohne“ – ein Einzelroman aus dem Polis-Universum

Neal Asher war mir zuvor kein Begriff. Wie jeder SF-Autor, der was auf sich hält, hat auch er den ein oder anderen Romanzyklus am Start, darunter die Polis-Reihe. Die Polis ist das zukünftige interestellare Menschenreich, das jedoch von wohlmeinenden KIs regiert wird. So weit so passend im Sinne der Aufgabe. Kinder der Drohne ist nun ein unabhängiger Einzelroman aus diesem Universum, der im wahrsten Sinne am Rande der Polis-Handlung spielt. Schauplatz ist nämlich ein Sonnensystem, das von Menschenabkömmlingen bewohnt wird, die seit über tausend Jahren von der restlichen Menschheit (und somit der Polis) abgeschnitten sind – bzw. waren. Denn die Handlung setzt in dem Moment ein, in dem dieses System von der Polis wiederentdeckt und vorsichtig kontaktiert wird.

Interessantes Setting

Was mich gleich angesprochen hat, war das Setting, das Asher als Bühne für den Roman bereitet. Handlungsort ist ein Sonnensystem mit zwei (gerade so) bewohnbaren Planeten, die vor über tausend Jahren von Menschen besiedelt worden sind. Da beide Planeten jeweils unterschiedliche genetische Anpassungen erforderlich machten, haben sich schon früh zwei extrem unterschiedliche Gesellschaften auf Sudoria und Brumal entwickelt. Weitere historische Umstände haben dazu geführt, dass beide Kulturen schnell einen rapiden kulturellen und technischen Rückfall erlebten, den Kontakt zur Erde und auch zueinander verloren. Erst Generationen später war man wieder in der Lage, in den Weltraum vorzudringen und einander erneut zu begegnen – was in einen jahrhundertelangen Krieg mündete, der immer dann aufflammte, wenn beide Planeten in Konjunktion zueinander standen und man mit relativ geringem Aufwand rüberfliegen und ein paar Bomben abwerfen konnte. Die Subraumtechnologie hatte man nicht wieder entdeckt, sodass man in dem System für Jahrhunderte unter sich blieb.

Wurm, Tiger und Virus

Die Handlung setzt zu einem Zeitpunkt ein, an dem dieses Sonnensystem von der Polis, dem Sternenimperium der Menschheit, wiederentdeckt wird. Eine autonome Drohne, die sich selbst „Tigger“ nennt, ist im Auftrag der Polis auf geheimer Erkundungsmission unterwegs. Sie sammelt Daten und analysiert die aktuelle Situation. Demnach hat der ewige Krieg zwischen Sudoria und Brumal gerade ein Ende gefunden, da Sudoria ein unbekanntes Artefakt aus dem Weltraum gefischt hat, das schlicht „Wurm“ genannt wird. Dessen Erforschung hat Sudoria einen derartig großen technologischen Vorsprung verschafft, dass der Planet innerhalb kürzester Zeit schreckliche Massenvernichtungwaffen entwickeln konnte. Mit einem an Völkermord grenzenden Vernichtungsschlag konnte Sudoria den Krieg so für sich entscheiden. Kurz darauf nimmt die Polis mit Sudoria per Subraumboje Kontakt auf und schickt einen Botschafter für erste Verhandlungen. Sudoria ist eine paranoide Militärdiktatur (tatsächlich wird das politische System etwas komplexer dargestellt – aber letztlich läuft’s darauf hinaus) und verbietet den Import fremder Technologie. Die Polis – in Person der lokalen regierenden KI – schickt daher einen „normalen“ Menschen, der mittels eines Virus rein biologisch so aufgebrezelt wurde, dass er allen Sudoriern und Brumaliern himmelhoch überlegen ist.

Die titelgebenden Kinder

Die eigentlichen Hauptfiguren sind jedoch vier sudorische Geschwister, je zwei junge Frauen und Männer, die auf sehr mysteriöse Weise auf der Forschungsstation zur Welt kamen, auf der der „Wurm“ untergebracht ist. Diese vier stechen durch überragende Intelligenz aus der restlichen sudorischen Bevölkerung hervor und haben jeweils unterschiedliche Karrieren durchlaufen, die sie an verschiedene Schlüsselpositionen der sudorischen (und sogar brumalischen) Gesellschaft befördert haben. Dem geneigten Leser wird dadurch schon recht früh klar, wo der Wurm im Pfeffer liegt – und man wundert sich manchmal ein bisschen, wieso es den anderen Protagonisten nicht so geht.

Komplex und spannend bis …

Dennoch hat mich die spannende Handlung, die durchaus zu dem komplexen Setting passt, gefesselt und bei der Stange gehalten. Auch sonst gab’s im Großen und Ganzen nur wenig zu meckern. Anfänglich hat mich die etwas holperige und schlichte Sprache etwas irritiert, was aber auch an der Übersetzung gelegen haben mag (Railguns werden tatsächlich mit Schienenkanonen übersetzt) – zudem muss man es mit der Sprache ja auch nicht wie bei „Quantum“ und „Fraktal“ auf die Spitze treiben. Etwas enttäuschend war dann auch das Ende, da man hinter der offensichtlichen Auflösung noch ein tieferes Geheimnis erwartete. Da kam dann tatsächlich auch was – aber das war dann doch etwas dürftig. Alles in Allem war es dennoch ein kurzweiliger Lesespaß, der durchaus Lust auf das Polis-Universum macht.

Aufgabe erfüllt?

Aber was war denn nun mit der positiven Darstellung der Herrschaft der Maschinen? Da der Roman ja nun außerhalb der Polis spielte und nur zwei Bürger dieses KI-regierten Staatengebildes direkt beschrieb (Tigger – immerhin selbst eine KI – und der transhumane Botschafter), bekam der Leser von der Herrschaft der Maschinen gar nicht so viel mit. Abgesehen von einem kurzen Dialog zu dem Thema, in dem der Botschafter das System der Polis verteidigt, wird sie auch nie sonderlich positiv dargestellt – aber auch nicht negativ (von einem Aspekt der Auflösung der Geschichte mal abgesehen). Aber vielleicht ist die Aufgabe gerade durch die Normalität, die durch die fehlende Bewertung entsteht, sehr wohl erfüllt. Weder Tigger noch der Botschafter machen sich überhaupt Gedanken darüber, ob es gut oder schlecht ist, von gigantischen KIs beherrscht zu werden. Und selbst der negative Aspekt am Ende ist eher ein Ausdruck undurchschaubaren Regierungshandelns, denn der Kälte der Maschinenherrscher.

Dritter im Bunde der Buchbezwinger

Ich habe das Buch wie gesagt mit großer Freude gelesen und werde Neal Asher einstweilen auf dem Radar behalten. Damit schließt sich für mich der Kreis des Lesezwingers jedoch fürs erste und ich reihe mich mit Stolz in den Reigen der Buchbezwinger ein:

Lesetagebuch: Perry Rhodan Neo

Kampfstern Galactica hat es getan, Star Trek hat es getan, Marvel und DC tun’s ständig (letztere gerade in extremem Maße) – da ist es nur folgerichtig, dass Perry Rhodan sich auch mal dran versucht: am kompletten Neustart, Reboot, Reload, oder wie auch immer man es nennen möchte.

Die Idee ist so naheliegend, dass sie natürlich schon seit Jahren wenn nicht Jahrzehnten immer mal wieder im Fandom diskutiert wird – und sicher auch schon länger den PR-Autoren und -Redakteuren im Kopf herumspukt.

So wird jeder zweite PR-Fanautor sein eigenes Konzept dafür auf der Festplatte schlummern haben (auf einer gemeinsamen Idee basiert zum Beispiel Alex Kaisers Ultimate Perry Rhodan – und unser Rhodan-reloaded-Projekt hatte natürlich dieselbe Grundidee).

Die Zukunft beginnt von vorn …

Zum 50-jährigen Jubiläum der Perry Rhodan Serie machte man auch von offizieller Seite ernst mit dieser Idee. Parallel zur klassischen Erstauflage erscheint seit vergangenen Freitag mit Perry Rhodan Neo der Neustart des Perryversums.

Da ich der Grundidee eines Reboots der klassischen Handlung sehr zugetan bin, habe ich mir den ersten Band Sternenstaub von Frank Borsch sogleich zugelegt und gelesen. Um das Urteil vorweg zu nehmen: Es hat mir gar nicht gefallen. Das werde ich im Folgenden etwas detaillierter begründen.

Warum das Ganze?

Wenn man den Neustart einer Serie unternimmt, sollte man meiner Meinung nach dabei gewisse Kriterien erfüllen. Schließlich gibt es durchaus Gründe, das zu tun (jetzt mal abgesehen vom Erschließen neuer Zielgruppen und Käuferschichten), denen man genügen muss.

Hauptgrund ist sicher, eine zeitlose gute Geschichte, deren Entstehungsumfeld vielleicht ein wenig angestaubt ist, in eine neue Zeit zu übertragen. Liest man den ersten Band der Originalserie Unternehmen Stardust von K. H. Scheer (was ich kürzlich erst getan habe), kann man den Eindruck gewinnen, dass so etwas angebracht wäre.

Bei der Gelegenheit kann man gern ein paar Plot-Lücken, Stilblüten und Logik-Schnitzer ausbügeln. Und schließlich muss ein Sahnehäubchen drauf – etwas neues, besonderes, ein Clou, eine kleine Änderung der Originalhandlung, um ihr eine interessante Variante zu verpassen. Plus ein paar Anspielungen für die Altfans als Streusel.

Das alles will wohl dosiert sein. Die einhellige Meinung ist, dass dies bei Galactica, Star Trek, dem Marvel-Ultimate-Universum und dem DC-Neustart recht gut gelungen ist. Warum bei Perry Rhodan Neo nicht?

Enterprise Sternenstaub

Scheers Originalband fasziniert durch die technisch akkurate und dennoch spannende Schilderung des Mondflugs, den Anspruch, die Historie der Menschheit „realistisch“ fortzuschreiben und die Vision, die damals akute Bedrohung des atomaren Weltuntergangs zu überwinden. Diese Faszination hätte eine neue Version aufgreifen müssen.

Scheers Originalband krankt (wie die ganze Serie) an der nachvollziehbaren Darstellung von Öffentlichkeit und gesellschaftlichen Zusammenhängen, an der Beschreibung der außerirdischen Arkoniden und des Ersten Kontakts mit ihnen, sowie an den Handlungsschwächen, dass niemand sich an der faktischen Menschenähnlichkeit der Fremden stört und diese nicht in der Lage sind, Leukämie zu heilen. An diesen Schwächen hätte eine neue Version arbeiten können – und auf gar keinen Fall neue hinzufügen dürfen.

Ich zumindest hätte mir von Borschs Sternenstaub einen technisch korrekten Mondflug, eine realistisch dargestellte Zukunft (in diesem Fall des Jahres 2036), und einen faszinierenderen Ersten Kontakt mit den Arkoniden gewünscht. Bekam ich aber nicht.

Enttäuschender Mondflug

Ich werde im weiteren Verlauf recht genau auf die Handlung eingehen, um ihre Merkwürdigkeiten ausreichend darlegen zu können. Ab hier  gilt daher eine

WARNUNG VOR DEM SPOILER

Gleich auf den ersten Seiten musste ich mir die Frage stellen: Hat Frank Borsch jemals einen Shuttle-Start verfolgt? Wenigstens lässt er auch Bully und Rhodan rätseln, warum sie zu Fuß zur Rakete marschieren müssen – eine Auflösung gibt’s aber weder für sie noch für den Leser.

Warum die schon bei Scheer dämliche Pressekonferenz ihren Weg in die neue Version finden musste, erschließt sich mir auch nicht ganz. Ich habe den letzten Shuttle-Start per Internet-Livestream verfolgt. Ich glaube kaum, dass es in 25 Jahren noch Pressekonferenzen mit physischer Anwesenheit geben muss.

Dabei hab ich übrigens auch gut sehen können, dass die Astronauten mindestens zwei Stunden vor dem eigentlichen Start in ihre Sitze eingebaut werden. Bei Sternenstaub wirkte es so, als stiegen Perry und Co. in die Stardust (oh, Entschuldigung – STARDUST!) und flögen fünf Minuten später los.

2036?

Der Roman scheitert gleich zu Anfang daran (später legt sich das allerdings ein wenig), die Zukunft der Welt in 25 Jahren nachvollziehbar darzustellen. Ja, dieses Internet wird irgendwo am Rande erwähnt.

Hallo? Schon heute twittern Astronauten von der ISS. Den Shuttle-Livestream hatte ich bereits erwähnt. Spätestens in zehn Jahren wird jeder Mensch mit einem internetfähigen Kleinstcomputer durch die Gegend latschen, überall auf alle Informationen Zugriff haben und mit jedem kommunizieren können. Von Outernet und Augmented Reality will ich gar nicht erst anfangen.

Die Internet-Community müsste ein allgegenwärtiger Akteur in einem Roman aus dieser Zeit sein. Dafür gibt’s aber 2036 bemannte Mondbasen – trotz kaputtgesparter bemannter Raumfahrt. HÄ!?!

Ich sehe ein, dass es aus heutiger Sicht schwierig zu erklären ist, warum in 25 Jahren überhaupt zum Mond geflogen werden muss. Im Kalten Krieg war’s halt ein Prestige-Wettlauf – warum hätte es das 2036 nicht wieder sein können? Zum Beispiel im Wettlauf mit China. Stattdessen ist die STARDUST eine verzweifelte Rettungsmission für die bemannten Basen auf dem Mond, die sich nicht mehr melden. Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: HÄ!?!

Also einerseits wird gesagt, dass es nur eine Prototyp-Rakete für den Mondflug gibt. Aber wie ist die Besatzung der Mondbasen denn auf den Mond gekommen? Wie wird sie versorgt und ausgetauscht? Und WARUM sind die da oben?

Mal abgesehen davon, dass am Ende des Romans keiner mehr einen Gedanken daran verschwendet, dass die Arkoniden die anscheinend alle abgemurkst haben. „Helfen wir doch dem armen leukämiekranken Crest, der mehrere Dutzend Menschen auf dem Gewissen hat.“

Handlungsebenen

Dem Mondflug der Astro-Helden werden noch zwei weitere Handlungsebenen auf der Erde zur Seite gestellt. Wie im Originalroman hat der gute Mercant seinen Auftritt – hier allerdings nicht als IIA-Chef, sondern als relativ kleines Homeland-Security-Licht. Eine der wenigen guten Ideen. Naja, eigentlich die einzige.

Dieser Mercant weiß um die Katastrophe, auf die die Welt zusteuert, und will sie mit seinen Mitteln verhindern. Indem er nämlich mit Gleichgesinnten gegnerischer Machtblöcke paktiert und gewisse militärische Anlagen sabotiert.

Als neue Idee und Handlungsebene wird der Shelter von John Marshall hinzugefügt. Der Australier der Originalserie wird hier zum Amerikaner, der nach einer Karriere als Banker seine soziale Ader entdeckt hat und ein Heim für Straßenkinder betreibt. Dabei läuft ihm ein gewisser Homer G. Adams als geheimnisvoller Gönner über den Weg – und es scheinen sich vor allem Kinder mit besonderen Begabungen um ihn zu sammeln.

Zudem soll diese Ebene den desolaten Zustand der Welt verdeutlichen. Die soziale Schere geht weltweit immer weiter auseinander, Finanzkrisen drohen und so weiter und so fort. Es ist bezeichnend, dass die Handlungsebene auf dem Mond die schwächste ist.

Damoklesschwerter

Scheer musste 1961 nicht groß erklären, warum die Welt am seidenen Faden hängt. Der Dritte Weltkrieg – gleichbedeutend mit der nuklearen Apokalypse – war ein allgegenwärtiges Schreckens-Szenario. Borsch tut sich sehr schwer damit, in der 2011er Version eine ähnlich eindringliche Bedrohung aufzubauen. Schon der Klappentext ist sich nicht einig, was genau nun das Problem sein soll: Umweltverschmutzung, Klimakatastrophe, Finanzkrise, Terrorismus, es ist irgendwie alles auf einmal – aber nichts davon konkret.

Der Meeresspiegel ist wohl gestiegen (daher kann man auch nicht mehr von Cape Canaveral aus starten, sondern muss Nevada Fields nehmen), die Zahl verheerender Hurricanes hat wohl zugenommen, irgendwie ist wohl die soziale Schere weltweit weiter auseinander gegangen, Finanzkrise ist auch ein gutes Schlagwort. Naja, und irgendwie haben wir auch wieder einen kalten Krieg mit China und Großrussland inklusive Stellvertreter-Kriegen und atomarer Bedrohung.

Wer ist hier eigentlich der Titelheld?

Wer noch nie was von Perry Rhodan gehört hat und als erstes dieses Neo-Bändchen in die Hände kriegt, wird sich vermutlich die Frage stellen, wieso die Serie überhaupt Perry Rhodan heißt. Warum nicht Reginald Bull? Oder John Marshall? Oder Leslie Pounder?

Es ist durchaus ein richtiger Ansatz, die Sidekicks des Helden nicht durchgehend wie Deppen darzustellen – aber irgendwie sollte Rhodan schon als Hauptheld aus den anderen hervorragen. Man gewinnt hier den Eindruck, dass das visionäre Element und die Sorge um die Situation der Menschheit komplett von Bully übernommen wird.

Es ist nicht mal Rhodan, der als erstes erkennt, dass man es auf dem Mond mit Außerirdischen zu tun hat. Dass weiß sogar Pounder schon – und es wirkt fast so, als habe er Rhodan eigentlich gezielt da rauf geschickt, um so zu handeln, wie er es dann auch tut. Zudem deutet sich an, dass noch bevor Rhodan überhaupt den Plan fasst, in der Gobi zu landen, bereits ein Netzwerk von Physikern und Geheimdienstlern (Mercant und Pounder) an einer Art Weltrevolution arbeitet. Rhodan als Erfüllungsgehilfe. Es bleiben eigentlich nur seine Pilotenkünste – Rhodan als Fahrer.

Das Heldentum Rhodans wird durch keine Eigenleistung begründet. Hier krankt Neo vermutlich am selben Phänomen, wie die Hauptserie. Es gelingt den Autoren nicht mehr, Rhodan darzustellen. Sie wollen den jovial-autoritären Scheer-Pragmatiker nicht – scheuen aber auch vor dem verträumt-abgehobenen Voltz-Visionär zurück. Es bleibt (so zumindest mein Stand von Band 2200) ein unbestimmter wischiwaschi-Lavierer. So erscheint er mir auch bei Borsch: Rhodan soll bloß nichts befehlen – soll aber auch bloß keine visionäre Meinung haben. Und warum muss dann die Serie nach ihm benannt sein?

Ganz nebenbei

Ich  hätte mich echt gefreut, wenn man bei Neo auf dieses dämliche Perry-Rhodan-Sprech Gravos verzichtet hätte. Das heißt „g“ oder meinethalben „G-Kräfte“, verdammt!

Unstimmigkeiten

Auch in der neuen Version scheint es niemanden zu stören, dass die Arkoniden ganz offensichtlich Menschen sind. Manoli macht zwar eine beiläufige Bemerkung, die er aber selbst wohl nicht allzu ernst nimmt. Und natürlich können auch diese Arkoniden nicht Leukämie heilen.

Als wäre das nicht genug, packt Borsch (bezieheungsweise der Expokrat) aber noch ein paar neue Unstimmigkeiten hinzu: den Quark mit den Mondbasen hatte ich bereits erwähnt. Richtig bescheuert fand ich den Plastiksprengstoff, den Bully zufällig dabei hat – ohne, dass er dann auch noch zum Einsatz kommt. Die Atombombe im Mond-Buggy fällt in eine ähnliche Kategorie.

Es ist auch nicht konsequent klar, wer jetzt eigentlich von den Außerirdischen weiß. Anscheinend ist es den Regierungen und Geheimdiensten auf der Erde bekannt – oder nicht? Mal weiß Bully davon – und dann tut er auf einmal wieder ganz erstaunt.

Letzter Kontakt

Der Erste Kontakt mit den Arkoniden – eigentlich doch der Schlüsselmoment des Romans – gerät zu einer müden Veranstaltung, die eher nebenher abgehandelt wird. Irgendwelche Schießereien in Greater Houston scheinen da wichtiger zu sein.

Ich weiß nicht, was die Ursache für das Scheitern des Neustarts ist – aber ich habe das Gefühl, dass versucht wurde, einen alten Perry-Rhodan-Roman wie einen neuen Perry-Rhodan-Roman zu schreiben. Das  ist in meinen Augen nicht konsequent genug. Man hätte versuchen müssen, einen alten Perry-Rhodan-Roman wie einen modernen SF-Roman zu schreiben.

Ich hatte ja so ein bisschen gehofft, mit PR Neo wieder zu meiner alten Liebe zurückzufinden – die Hoffnung hat sich zerschlagen. Dieser Perry-Rhodan-Fan hat seinen Abschied genommen.

Lesetagebuch: Krieg der Klone von John Scalzi

Abschreckender Titel

Zunächst mal ein Wort an die Marketing-Abteilung des Heyne-Verlags – oder wer dort auch immer die Übersetzung des Originaltitels Old Man’s War zu verantworten hat: Der deutsche Titel ist wirklich selten dämlich! Genau deswegen hätte ich das Buch ursprünglich NICHT gekauft. Die offensichtliche billige Star-Wars-Trittbrettfahrerei ist mir dabei zunächst gar nicht mal aufgefallen. Mein erster Gedanke war vielmehr: Och nö! Nach den Orks, Elben und Zwergen kommen jetzt die Klone oder was?

Der Band blieb unangetastet in der Buchhandlung liegen. Ich hatte ihn in Gedanken sofort als Schrott abgetan und nicht einmal einen Blick auf den Klappentext werfen wollen. Euer Glück, lieber Heyne-Verlag, dass ich später aus mehreren berufenen Mündern vernommen habe, dass der Roman in Wahrheit gut sei. Also habe ich ihn doch gekauft. TROTZ des Titels.

Angenehm flotter Schreibstil

Der „Krieg des alten Mannes“ – wie er eigentlich hätte heißen müssen – ließ sich sehr angenehm und flott lesen. Gut, das klingt jetzt auch dämlich. Aber so etwas wie „Senioren-Krieger“ oder „Alte Sternenkrieger“ hätte man sich ja einfallen lassen können. Wie auch immer, der Roman war jedenfalls gut zu lesen und hat mir bis zur Hälfte auch sehr gut gefallen.

Achtung! Ich erlaube mir, im weiteren Verlauf, die Handlung des Romans teils recht detailliert wiederzugeben – man betrachte dies als

WARNUNG VOR DEM SPOILER

Worum geht’s?

Wir befinden uns in einer nicht näher benannten fernen Zukunft. Der Weltraum ist von der Menschheit besiedelt, man ist dort bereits auf zahlreiche außerirdische Kulturen getroffen. Auf der Erde selbst bekommt man davon allerdings kaum etwas mit. Die Weltbevölkerung unterteilt sich immer noch in Nationalstaaten, die oft sogar noch Kriege untereinander führen.

Raumfahrt, die Besiedelung anderer Planeten sowie die Verwaltung des daraus entstandenen interstellaren Staatengebildes wird ausschließlich von der Kolonialen Union betrieben, die vollständig losgelöst von der Erde existiert und operiert. Die Erdnationen verfügen über keine Weltraumtechnik (mehr) und es gibt für einen Erdenbürger nur zwei Möglichkeiten, ins All zu gelangen. Entweder man ist Bürger eines übervölkerten Entwicklungslandes – von dort rekrutiert die Koloniale Union neue Kolonisten. Oder man hat als Bürger einer (westlichen) Industrienation sein 75. Lebensjahr erreicht – denn dann darf man in den Militärdienst der Kolonialen Union eintreten.

Großartiges Science-Fiction-Szenario

Das Szenario und die Art und Weise, wie es beschrieben wird, sind klasse! Scalzi hat zudem einen hervorragenden Schreibstil, so dass er den Leser sehr gut in dieses Szenario hineinzieht. Es wirkt stimmig und gleichzeitig rätselhaft – wie es sich für ein gutes SF-Szenario gehört. Die Charaktere fügen sich perfekt in dieses Szenario ein und bewegen sich wie selbstverständlich darin. Dadurch wirken sie nicht wie Fremdkörper aus unserer Zeit. Das machen viele andere Autoren deutlich schlechter.

Hauptfigur ist ein 75-jähriger Amerikaner, der sich dazu entschließt, den Militärdienst anzutreten. Auf der Erde weiß niemand, warum die Koloniale Union ausgerechnet (und ausschließlich) 75-Jährige rekrutiert. Es gehen natürlich Gerüchte um, dass die erheblich fortschrittlichere Technik der Kolonien die Menschen wieder verjüngen kann. Auf der Erde ist dies nicht möglich – und daher ist der Anreiz für viele Menschen, die dieses Alter erreichen, sehr groß.

Der erste Teil des Buches beschreibt also den Weg der Hauptfigur vom Rekrutierungsbüro (wo er unterschreiben muss, künftig auf sein Aufenthaltsrecht auf der Erde zu verzichten und alle medizinischen „Arbeiten“ an sich zu genehmigen) über einen Weltraumfahrstuhl bis hin zur Orbitalstation der Kolonialen Union, wo er und die anderen Rekruten-Greise ihre „Behandlung“ erhalten.

Und diese Behandlung hat es natürlich in sich.

Unbefriedigender Körpertausch

Die Probanden werden keineswegs verjüngt – sie erhalten vielmehr eine 100%ige Körper-Transplantation. Aus ihrem Genmaterial sind deutlich verbesserte neue Körper gezüchtet worden, in die das Bewusstsein der Rekruten nun transferiert wird. Und an dieser entscheidenden fantastischen Stelle hat mich der Roman zum ersten Mal enttäuscht.

Denn so beeindruckend die Szene beschrieben ist, in der der Held seinen neuen Körper sieht und dann den Bewusstseinstransfer durchmacht – die philosophischen Konsequenzen daraus kommen überhaupt nicht zur Sprache. Die spannenden Themen, ob so etwas überhaupt geht, was denn da überhaupt transferiert wird, ob denn nicht einfach eine Kopie erstellt und das Original ermordet wird – all das kommt überhaupt nicht zur Sprache. Der Vorgang funktioniert einfach so, dass dem Protagonisten keine Zweifel an seiner Identität aufkommen können. Sie sind ihm nicht einmal kurz vor der Prozedur gekommen.

In meinen Augen hat der Autor bis dahin ein wunderbares Szenario aufgebaut – und es im entscheidenden Augenblick verschenkt.

Stanislaw Lem hat in einem seiner Dialoge die existenzielle Problematik dieser Idee hervorragend ausgeführt, indem er folgende Fragen stellte (sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert):

  • „Wenn du stirbst und ich danach ein vollständiges exaktes (und lebendes) Duplikat von dir herstelle, würdest du mit diesem Wissen ohne Angst sterben?“
  • „Selbstverständlich, ich wäre ja wieder hergestellt – und wenn ich die exakten Erinnerungen bis zum letzten Zeitpunkt hätte, wäre ich ich selbst.“
  • „Wenn ich dieses exakte Duplikat aber herstellte, während du noch lebst – würdest du dich dann von mir töten lassen?“
  • „…“

Und genau diese Problematik umgeht Scalzi. Mich hat das ein wenig enttäuscht.

Nun wird er auf solche Gedankenspielereien vielleicht einfach keinen Wert legen – was ja durchaus legitim ist. Und kurz danach versöhnt er mich als Leser schon wieder mit der hervorragenden Beschreibung des verbesserten Körpers – und seiner konsequenten Anwendung.

Der erste Teil des Buches endet ungefähr hier und man erwartet im zweiten Abschnitt zu erfahren, wie der Held in die (auch ihm) noch völlig unbekannten Strukturen des Kolonialstaates der Menschheit geworfen wird und dort auf unfassbare Wunder, Rätsel und Verschwörungen stößt. Doch leider enttäuscht der Roman hier endgültig.

Angriff der Sternenkrieger

Denn was im zweiten Teil passiert ist kaum mehr als ein schlichter Starship-Troopers-Abklatsch. Ja, es ist immer noch spannend geschrieben. Ja, es sind zahlreiche nette kleine Ideen dabei – vor allem, wenn die verschiedenen Aliens beschrieben werden.

Aber im großen und ganzen hat man es mit einem klischeebeladenen Kriegs-Abenteuer zu tun, in dem der Hauptprotagonist als – selbstverständlich unfreiwilliger – Held aus zahlreichen Kriegshandlungen hervorgeht und eine militärische Blitzkarriere hinlegt.

Das beginnt mit dem Drillsergeant, dem der Autor auch noch die Worte in den Mund legt: „Ihr haltet mich bestimmt für ein Klischee aus einem alten Kriegsfilm.“ Aber der Autor durchbricht das Klischee nicht – er lässt ihn sich genau so verhalten.

Und so geht es weiter: Natürlich darf im weiteren Verlauf des Romans der naive Pazifist nicht fehlen, der selbstverständlich blauäugig mit ausgestreckter Hand auf die Außerirdischen zugeht – um dann von diesen erschossen zu werden.

Das Absurde dabei: Scalzi versucht in den Dialogen immer wieder dem Eindruck entgegenzuwirken, dass er hier Kriegsverherrlichung betreibt. Schon ganz zu Anfang lässt er seine Hauptfigur einem irdischen Rassisten energisch widersprechen. Aber diese Worte wirken stets aufgesetzt, da sie zum Verlauf der Handlung nicht passen wollen.

Das Militär, dem der Held angehört, begeht schrecklichste Kriegsverbrechen für ein stets undurchsichtig bleibendes Staatengebilde – aber der Protagonist denkt nicht mal im Ansatz daran zu rebellieren. Nach einem besonders grausamen Einsatz hat er zwar einen Nervenzusammenbruch. Dieser wird aber durch ein relativ lockeres Geplauder mit den Kameraden wieder behoben – und die Kämpfe gehen weiter.

So strebt die Handlung auch nicht einem großen Bruch dieses Vorgehens zu, sondern schlicht auf eine besonders knifflige militärische Operation.

Unklare Botschaft

Der Vergleich mit Heinlein drängt sich wie gesagt auf – und ihn hebt Scalzi dann auch konsequenterweise in seinen Danksagungen hervor. Aber während Heinlein eine auf Militär basierende Gesellschaft konsequent schildert und propagiert – und Verhoeven dies in seiner Verfilmung herrlich satirisch überzeichnet –, bleibt es bei Scalzi vage, was er den Lesern nun überhaupt vermitteln will.

Ist der Krieg der Vater aller Dinge? Ist es die Natur des Menschen zu kämpfen? Ist es eine feindliche, fremdartige Welt da draußen, in der man nur wehrhaft bestehen kann? Sind es undurchsichtige Machtstrukturen, die den Menschen in Kriege zwingen? Vielleicht interessieren ihn diese Fragen auch einfach nicht – aber ein Anti-Kriegs-Roman ist dieser Text mit Sicherheit nicht.

Auch der nachgeschobene Dialogtext, in dem die Hauptfigur teils mit kritischen Fragen konfrontiert wird, ist nicht sonderlich erhellend: eine Wischiwaschi-Rechtfertigung des kriegerischen Ist-Zustands durchsetzt mit halbherzigen Friedenswünschen.

Und so ließ mich der Roman nicht sonderlich begeistert zurück. Ja, ich habe mich streckenweise kurzweilig unterhalten gefühlt. Aber die fragwürdige – oder schlicht nicht vorhandene – Moral von der Geschicht, nein, die überzeugt mich nicht.

Lesetagebuch: Der Club der unsichtbaren Gelehrten

Das wird jetzt schwer. Ich muss (beziehungsweise möchte – ich muss hier gar nix) über einen Scheibenwelt-Roman schreiben – und kann ihn nicht in den Himmel loben. Das neueste Werk aus Terry Pratchetts Feder „Der Club der unsichtbaren Gelehrten“ finde ich nämlich nur so mittel.

Fußball auf der Scheibenwelt

Man verstehe mich nicht falsch! Es ist immer noch ein Scheibenwelt-Roman, er ist immer noch gut aber … hach ich weiß auch nicht. Vielleicht erst mal kurz zum Inhalt: Der Fußball ist in Ankh-Morpork angekommen. Naja, eigentlich war er natürlich schon immer da, aber er gerät nun in den Fokus der Mächtigen und Wichtigen in der größten Stadt der Scheibenwelt.

War Fußball bisher nur ein Vergnügen für das einfache Volk, interessieren sich nun auf einmal die Zauberer der Unsichtbaren Universität dafür. Aus gewissen Gründen sehen sie sich gezwungen, selbst eine Mannschaft aufzustellen.

Da trifft es sich gut, dass der Patrizier der Stadt – bislang ein ausgesprochener Gegner dieses Sports – plant, auch dieses „Monster“ zu zähmen. War Fußball in Ankh-Morpork bis dato eine nahezu regellose Rauferei, die in letzter Zeit fast zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen auf den Straßen geführt hat, soll es nun mit einem strengen Regelwerk und einer Liga zivilisiert werden.

Soweit der Hauptplot, der selbstredend die Entwicklung des englischen Fußballs in der realen Welt wiedergibt und persifliert.

Nun bin ich schon mal nicht sooo der Fußballfan – streng genommen überhaupt nicht. Dennoch sehe ich darin nicht den Grund, weswegen mich das Buch nicht so begeistert. Denn auch wenn mich das Thema grundsätzlich weniger reizt, habe ich an einer Pratchett’schen Umsetzung natürlich großes Interesse.

Fußball ist nicht alles

Erwähnenswert sind noch zwei Nebenplots. Zum einen gibt es da die kleine Aschenputtel-Story über ein schönes Mädchen aus dem einfachen Volk, das zum Model für Zwergenmode wird. Diese Nebenhandlung ist tatsächlich etwas schlicht. Aber ein schwacher Nebenplot allein reicht auch nicht aus, um ein Buch nicht gut – oder nicht großartig zu finden.

Zum anderen ist da Nutt … An dieser Stelle ist wohl Zeit für eine kleine

WARNUNG VOR DEM SPOILER

Wer den Roman also noch nicht gelesen hat und sich eine bestimmte Überraschung nicht verderben will, möge den folgenden Absatz überspringen.

Das Mordor der Scheibenwelt

Vetinari hat in Absprache mit den Zauberern ein Wesen namens Nutt in die Unsichtbare Universität eingeschleust. Es verrichtet dort äußerst niedere Arbeiten, stellt sich jedoch schnell als sehr gebildet und begabt heraus. Es wird die ganze Zeit als Goblin bezeichnet, bis sich gegen Ende herausstellt, dass Nutt etwas ganz anderes ist. Gut, ich verrate es mal nicht – die Spoilerwarnung bleibt dennoch bestehen.

Dieser Plot ist mit am interessantesten, werden doch scheibenwelt-historische Angaben über ein „Finsteres Reich“ in Fern-Überwald angedeutet. Die Scheibenwelt hatte also auch ihr Mordor.

Es zündet nicht

Dennoch will auch dieser Handlungsstrang nicht so recht zünden. Das Gefühl zog sich beim Lesen durch das gesamte Buch: Es zündet nicht.

Bei allen anderen Scheibenwelt-Romanen bin ich immer regelrecht in die Welt eingetaucht. Nachdem ich ein Buch ausgelesen hatte, konnte ich mich fast wie nach dem Erwachen aus einem Traum bald kaum mehr an Einzelheiten der Handlung erinnern. Es blieb stets das wohlige Gefühl zurück, an einem interessanten fiktiven Ort gewesen zu sein. Klingt pathetisch – ist aber so.

Und dieses Gefühl blieb diesmal irgendwie aus. Es waren einige nette Ideen dabei. Aber vieles wirkte zu bemüht. Einige Charaktere – allen voran Vetinari – wollte ich nicht mehr so recht wiedererkennen.

Naja … jeder kann mal einen schlechten Tag haben. Ich freu mich auf jeden Fall auf den nächsten Roman – wieder mit Tiffany Weh.

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